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Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland : Der Utopist an den Fronten der Wirklichkeit

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Bild: Verlag

Ernst Tollers Autobiographie zeigt den Schriftsteller im Spannungsfeld von Revolution und Pazifismus. Jetzt liegt „Eine Jugend in Deutschland“ in einer exzellent kommentierten Neuausgabe vor.

          Unter den vielen Schriftstellern, die mit der mächtigen Aufbruchsbewegung des deutschen Expressionismus hervortraten und ihren eigenen Weg suchten, ist Ernst Toller einer der eigenwilligsten. 1893 als jüngstes Kind einer jüdisch-deutschen Kaufmannsfamilie in Samotschin bei Bromberg geboren, wurde er als Student in Grenoble 1914 vom Krieg überrascht, gelangte auf abenteuerliche Weise zurück nach Deutschland und stürmte wie so viele Schriftsteller im August 1914 zur Meldestelle für Kriegsfreiwillige. Aus dem Geschützfeuer der Westfront ging er allerdings nicht als stahlharter Landser, sondern als Pazifist hervor.

          1918 zählte er trotz seiner Skrupel gegen Gewaltanwendung zu den führenden Köpfen der kurzlebigen Bayrischen Räterepublik und wurde 1919 zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Mit seinen Dramen „Die Wandlung“, „Masse Mensch“, „Die Maschinenstürmer“, „Hinkelmann“ und „Hoppla, wir leben!“ war er einer der meistgespielten Bühnenautoren der zwanziger Jahre. 1933 gehörte er zu den ersten Ausgebürgerten und floh über die Schweiz, Frankreich und England nach Amerika. Am Ende sah er auch im Exil keine Zuflucht mehr. Schon lange von Depressionen heimgesucht, nahm er sich im Mai 1939 in einem New Yorker Hotel das Leben.

          Der Herausgeber als Glücksfall

          Von allen literarischen Werken Tollers hat seine Autobiographie „Eine Jugend in Deutschland“ die größte Aussicht zu überdauern. Keines seiner Werke ist, wovon wir uns jetzt überzeugen können, ehrlicher und dichterisch kraftvoller als dieses 1933 in erster und noch im selben Jahr in einer zweiten Fassung im Amsterdamer Emigrantenverlag Querido erschienene Buch; es erreichte seinerzeit die beachtliche Auflage von sechstausend verkauften Exemplaren. Im Reclam Verlag liegt nun eine sorgfältig erarbeitete, im Wesentlichen auch die eigentümliche Orthographie Tollers erhaltende Neuausgabe vor.

          Einen Glücksfall muss man die Wahl des Herausgebers nennen. Wolfgang Frühwald ist seit Jahrzehnten einer der besten Kenner der Exilliteratur aus den Jahren 1933 bis 1945. Er hat über leitende Themen der Exilliteratur geschrieben, hat über ein Jahrzehnt als Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft, bevor er deren Präsident wurde, dem „Schwerpunkt Exilforschung“ wichtige Impulse gegeben.

          Der naive Blick des Heranwachsenden

          Der Anhang zu der vorliegenden Ausgabe erschließt mit einem hundertvierzigseitigen Kommentar und einem umfassend erläuterten Personenverzeichnis das gesamte zeitgeschichtliche Umfeld, in dem Toller agierte. Und immer gewahrt bleibt die sachliche Objektivität gegenüber der mehrfach psychiatrischer Behandlung bedürftigen Persönlichkeit Tollers.

          Aufzeichnen wollte Toller, wie es in seinem Vorwort heißt, nicht nur seine Jugend, sondern die Jugend einer Generation und ein Stück Zeitgeschichte dazu. Drei Erfahrungen will er schon als Kind gemacht haben. Obwohl er in einem wohlhabenden Elternhaus heranwächst, bewegt ihn doch die Not der Armen. Ihm entgeht auch nicht die Polenfeindlichkeit in der preußischen Provinz Posen. Und er hört von einer angeblichen rituellen Schlachtung eines Christenjungen durch Juden und erlebt, wie Kinder dem jüdischen Lehrer auf der Straße den Schmähspruch „Hep, hep!, Hep, hep!“ nachrufen. So lässt Toller aus den Beobachtungen der Kinderzeit die wesentlichen Antriebe seiner späteren politischen Haltung hervorgehen: die Parteinahme für die Klasse der Armen, die pazifistische Antwort auf die wechselseitige Verhetzung der Völker und die Gegenwehr des verfolgten Juden. Doch verfälscht der Kindheitsbericht noch nicht den naiven Blick des Heranwachsenden.

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