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Ernst Jünger : Das Buch, das es zweimal gab

  • -Aktualisiert am

Zwei Tagebuchversionen: Ernst Jünger Bild: dpa

Um die Zensurstelle der Nationalsozialisten zu täuschen, ließ Ernst Jünger Anfang 1942 zwei Varianten seines heiklen Tagebuchs „Gärten und Straßen“ anfertigen: Eine Stichprobe.

          In der „Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums“, der sogenannten Bouhler-Kommission, hatte man auf Ernst Jünger spätestens seit seiner Erzählung „Auf den Marmorklippen“ (1939) ein Auge geworfen. Das Buch war gerade erst angezeigt, als schon die Anforderung von Prüfungsexemplaren bei Jüngers Verleger einging. Die Anfrage wurde 1939 noch von der Hanseatischen Verlagsanstalt ignoriert. Man hatte Glück, die „Kommission schwieg“, wohl wollte sich dort niemand die Blöße geben, einzugestehen, dass man in Jüngers Schilderung des Einbruchs der Tyrannei in eine Kulturlandschaft Analogien zum Dritten Reich erblicke. Drei Jahre später war man vorsichtiger, denn es war zu erwarten, dass Jüngers 1942 erscheinendes Tagebuch „Gärten und Straßen“ der Partei zugänglich gemacht werden müsste.

          Die „Gärten und Straßen“ waren wie die „Marmorklippen“ ohnehin ein Wagnis, die Erwähnung des 73. Psalms („Israel hat dennoch Gott zum Trost“) beispielsweise wurde rasch von vielen Lesern als Zeichen des Widerspruchs gegen das NS-Regime aufgefasst. Da von einer NS-Kommission nicht unbedingt Bibelfestigkeit zu erwarten war, dürfte diese Passage allerdings kein Problem dargestellt haben. Als weitaus schwieriger jedoch hätte sich die unverhüllte Kritik erweisen können, wie sie in Jüngers Schilderung von amusischer Zerstörungswut des Krieges deutlich wird.

          Ein gefährlicher Trick

          Daher wurde mit einem Trick operiert, der gleichermaßen naheliegend wie gefährlich war. Auf wessen Veranlassung dies geschah, bleibt vorerst ungeklärt, da die Verlagskorrespondenz im Februar 1945 vollständig verbrannt ist und sich auch im Nachlass Jüngers nur der Briefwechsel aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten hat. Ein Schreiben Jüngers an den Verlag vom 9. Dezember 1941 hat sich in Abschrift erhalten. Darin bedankt Jünger sich für die Ankündigung der Vorabexemplare. Im gleichen Schreiben erteilt Jünger dem Verleger der Hanseatischen Verlagsanstalt, Benno Ziegler, die Vollmacht, ihn in allen Fragen zur Verbreitung des Buches mit dem Hause E. S. Mittler & Sohn zu vertreten.

          Offenbar waren im Januar 1942 schon Belegexemplare an die Parteiamtliche Prüfungskommission (PPK) unter Reichsleiter Bouhler gegangen. In einem Brief an Wilhelm Stapel schreibt Jünger am 21. Januar 1942, dass man dort über den Text mitreden wolle. Ab Anfang bis Mitte Februar treffen erste Leserbriefe ein, also lässt sich das Erscheinen auf Ende Januar bis Anfang Februar 1942 datieren.

          Abweichender Inhalt

          Der angewandte Trick bestand darin, dass man eine Bindequote der Normalausgabe mit abweichendem Inhalt herstellte. Die „Propagandaausgabe“ wie die an den Buchhandel gelieferte „Normalausgabe“ sind textidentisch - bis auf einen Tagebucheintrag, den vom 27. Mai 1940. Die betreffende Passage beginnt in beiden Fassungen textidentisch auf Seite 137:

          „Übrigens unterhielt ich mich während des Marsches hin und wieder mit unserem Waffenunteroffizier, der sehr treffende Beobachtungen machte und der, als er Sinn bei mir dafür entdeckte, öfters mit dem Rade vorauseilte und wiederkam, gewissermaßen, um mir Bilder zu apportieren, die er im Fluge erfasst hatte.“

          Dann folgt ein Satz, der in der Propagandaausgabe getilgt ist:

          „So meinte er, es sei seltsam, dass man alle Musikinstrumente bestimmt am ersten zertrümmert träfe - es ist dies ein Symbol für den amusischen Charakter des Mars und, wenn ich mich recht entsinne, schon auf einem großen Bilde von Rubens vermerkt, das diesem Thema gewidmet ist. Die Spiegel dagegen seien meistens unbeschädigt - er erklärte das daraus, dass man sie zum Rasieren brauche; es hat dies aber wohl noch andere Ursachen.“

          In beiden Fassungen endet die Passage mit folgendem, wiederum textidentischen Satz:

          „Für sehr bedeutsam halte ich, dass sich trotz der Eile des Vormarsches immer Leute finden, die sich die Zeit nehmen, in den Fenstern der verödeten Häuser absurde Gegenstände zur Schau zu stellen - ausgestopfte Vögel, Zylinderhüte, Büsten Napoleons III., Probierpuppen und ähnliches.“

          Den Unterschied von immerhin siebeneinhalb Zeilen fing man mit einem anderen Umbruch der folgenden Absätze auf, ab Seite 141 ist der Satz wieder identisch.

          „Unseren Kameraden gewidmet“

          Passenderweise wurde die Propagandaausgabe in braunem Karton mit braunem Titel und Rückentitel gebunden (die Normalausgabe dagegen Grün auf Grau). Die Propagandaausgabe ist geheftet, indes die Normalausgabe in Fadenbindung hergestellt wurde.

          Für den Satz der Propagandaausgabe hatte man später abermals Verwendung, als 1943 eine Sonderausgabe für die Luftwaffe in Riga gedruckt wurde. Die Luftwaffe galt als die der NS-Führung nächste Waffengattung, so dass dort die Propagandavariante angebracht war. Dass man in Paris hingegen für die dortige „Zentrale der Frontbuchhandlungen“ den ungeschönten Text verwenden konnte, war naheliegend - und bestätigte sich in den Vorgängen um den 20. Juli 1944 in Paris. Die Propagandavariante wurde von Parteistellen verteilt, so trägt ein mir vorliegendes Exemplar den Spendenstempel „Unseren Kameraden gewidmet. NSDAP Amt für Volkswohlfahrt“.

          Kein Papier mehr bewilligt

          Später soll die Partei Streichungen verlangt haben, man trat an Jüngers Vorgesetzten Hans Speidel mit diesem Ansinnen heran. Speidel jedoch beschied: „Ich befehle nicht dem Geist meiner Offiziere.“ Es heißt, dass nach 1943 für Neuauflagen kein Papier mehr bewilligt worden sei. Nach dem Krieg erschienen die „Gärten und Straßen“ ohne die Selbstzensur.

          Vielleicht hatte man dieser Passage eine Sprengkraft zugetraut, die sie nicht hatte oder erst durch ihre Unterdrückung erhält; ein aufmerksamer Leser wie Jüngers späterer Verleger Ernst Klett jedenfalls hat in seinem Exemplar der „Gärten und Straßen“, das er an der Ostfront las, zwar vieles - zum Teil mehrfach - angestrichen, auch auf der uns hier interessierenden Seite. Aber der Absatz, bei dem Verlag oder Autor Bedenken hatten, ist nicht markiert.

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