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: Erniedrigte und Beförderte

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Eine kurze Musterung des Personals literarischer Spitzentitel dieses Herbstes fördert folgende Figuren zutage: Großunternehmer und Psychiater, Fotografen und Komponistinnen, Schlagzeuger, Sängerinnen, Schauspieler und immer wieder Dichter, Schriftsteller, Künstler also. Der kleine Mann von der Straße, der ...

          Eine kurze Musterung des Personals literarischer Spitzentitel dieses Herbstes fördert folgende Figuren zutage: Großunternehmer und Psychiater, Fotografen und Komponistinnen, Schlagzeuger, Sängerinnen, Schauspieler und immer wieder Dichter, Schriftsteller, Künstler also. Der kleine Mann von der Straße, der derzeit ständig auf die Straße geht, und die kleine Miss, die schließlich ebenfalls diese Bücher kaufen und lesen soll, sind unterbesetzt, oder fehlen ganz.

          Es ist kein Geheimnis, daß manche deutschsprachige Autoren sich vor richtigen Berufen in ihren Büchern scheuen. Und daß sich Schriftsteller selbst am liebsten ein zweites Mal auf Papier erfinden, ist zudem kein rein deutsches Phänomen - gerade ist etwa mit Philip Roth schon wieder jemand nicht Nobelpreisträger geworden, der seit Jahr und Tag sich selbst beschreibt. Dennoch tauchen vor allem seit Beginn der Rezession in der deutschen Literatur auffällig viele Gestalten auf, die in dieser Prominenz bislang eigentlich nur bei Spezialisten wie Hans Fallada, Dorothy Parker oder Alan Sillitoe zu finden waren: Angestellte. Lohnempfänger. Entfremdete.

          Ist das gut so? Brauchen wir wieder eine Literatur der Arbeitswelt, wie sie vor mehr als dreißig Jahren Max von der Grün, Günter Wallraff oder Erika Runge schrieben? Brauchen wir eine Neuauflage der "Bottroper Protokolle", nur daß jetzt nicht mehr Bergarbeiter aus dem Ruhrpott in der edition suhrkamp ihr Leid klagen, sondern gescheiterte Start-up-Verlierer aus Berlin-Mitte? Mit den "Minusvisionen" des Autors Ingo Niermann sind ebensolche "Protokolle von Unternehmern ohne Geld" übrigens im vorigen Herbst in ebendieser Verlagsreihe erschienen. Und nicht nur die Lektüre der "Minusvisionen" zeigte: Doch, wir brauchen diese Literatur sehr. Wir haben die Angestelltenliteratur vielleicht sogar bitter nötig.

          Die Krise als Chance

          Nicht nur, weil die Mitschriften der Realität aufrichten und Trost spenden, Trost, daß es immer noch schlimmer geht als in den eigenen vier Wänden. Nein, wir brauchen diese Alltagsliteratur auch, weil uns sonst ein einzigartiger Stoff verlorenginge. Voller Konflikte, Triumphe und Tragödien, Blut, Schweiß und Tränen, Langeweile, Verdruß und Trott, abgebildet in Einliegerwohnungen, Bungalows und Fußgängerzonen, fast wie im richtigen Leben: Das Einerlei und die Krise als Chance für die Literatur.

          Der Münsteraner Schriftsteller Burkhard Spinnen hat diese Chance längst ergriffen. Seit Jahr und Tag feilt er an einer Phänomenologie des altbundesrepublikanischen Alltags, und auch sein neuer Erzählungsband "Der Reservetorwart" versucht sich abermals an nichts anderem. Spinnen schreibt wie mit angespitztem Bleistift, bleigrau und sparsam, über das Mittelmaß und die Angst, darüber hinauszuwachsen - vom Ersatzspieler auf der Auswechselbank zur Nummer eins zwischen den Pfosten zu werden, vom entlassenen Finanzvorstand zum Unternehmensberater, vom treuen Gatten zum Ehebrecher. Und wie es sich für die Welt, die er beschreibt, gehört, hat sich bei Spinnen eine stilistische Routine eingeschlichen, die aber seinem Projekt nicht schadet, ihm sogar erst recht auf die Sprünge hilft: Man betritt seine Erzählwelt wie das eigene Büro. Es riecht vertraut, die Kollegen grüßen, schon ist der Kaffee aufgesetzt und läuft durch den Filter, Bürotassen klacken leise aneinander, und dann schlägt das Grauen zu.

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