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: Erniedrigte und Beförderte

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Was "Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad" zur wirklich mustergültigen Angestelltenliteratur macht, ist das Mißverhältnis zwischen diesem Feuilletonisten und Mona, das herablassende Befremden des Bessergebildeten, der eine Frau, die er Woche für Woche für ihre Dienstleistung bezahlt, allenfalls erotisch attraktiv finden kann. Je tiefer sich Mona aus Liebe auf die Zeitungslektüre stürzt, um sich daran fortzubilden (spätestens hier ist aus der Erzählung eine neue Version von "Educating Rita" geworden), desto mehr wendet er sich von ihr ab. Vielleicht nervt ihn einfach nur sein eigenes Geschwätz, das er nun aus ihrem Mund hören muß. Jedenfalls kommt er irgendwann nicht mehr in den Salon, und aus seinem Blatt erfährt Mona, daß gespart werden muß: die Medienkrise. "Von zuviel Papier kriege ich immer Herzschmerzen", sagt Mona zuletzt - und das ist wohl der eigenartigste und schönste Satz, der bisher über das Zeitungssterben gefallen ist. Auch wenn er eigentlich einen Liebestod beschreibt.

Medienkrise, schrumpfende Autostädte, schrumpfende Karstädte - die ebenfalls geschrumpften Zeitungen sind derzeit voller Konflikte, die für dicke Romane reichen müßten. Und doch sind all diese Bücher, Spinnens wie Kullmanns Erzählungen und Dobellis Roman, äußerst knapp gehalten, sozusagen ökonomisch angelegt, wie es ihrem Gegenstand entspricht. Auch das stilistisch sicherste all dieser Werke aus der Angestelltenwelt ist keine 150 Seiten lang: "Kaufen!" von der Schweizer Autorin Nicole Müller. "Ein Warenhausroman", nennt sie ihr Buch im Untertitel, und es ist wohl ein höherer Zufall, daß es gerade in dem Augenblick erscheint, als eine Warenhauskette in die Schlagzeilen gerät.

Schreibtischtäter

Die Moral von "Kaufen!" ist altbekannt und lautet: "It's the economy, stupid!" Weswegen Simone, die im Warenlager eines Kaufhauses zu jobben beginnt und dann nach und nach bis zur Werbetexterin aufsteigt, am Ende hinschmeißt, weil der Kaufhausbesitzer ihre langatmigen, aber tiefempfundenen Inserate über alpinen Blütenhonig, ledergeflochtene Wäschekörbe und italienische Marmorputten nicht mehr lesen mag, oder vielmehr will die Gattin vom Chef sie nicht mehr sehen, und rechnen tun sie sich ohnehin längst nicht mehr. "Ich arbeite nicht für Leute wie Sie", sagt Simone zum Abschied, aller Illusionen beraubt, daß ein Warenhaus tatsächlich eine Großfamilie sein könnte. Und verläßt die Welt der Arbeit, geht hinaus zwischen "die toten Beete, das stumpfe Laub, die Haselstauden", hinein in den Winter des Mißvergnügens.

"Er fand sich, dies wurde ihm Tag für Tag klarer, durch die weiterhin unablässige Verschlechterung der Verhältnisse in seiner Entscheidung, nichts zu unternehmen, vollkommen bestätigt." Sagt Albrecht, Burkhard Spinnens stärkste Figur, Bürohengst bei Tag und ein Attentäter zu Hause, der nur auf den richtigen Moment wartet, loszuschlagen. Es sind alles Schläfer, diese Angestellten. Schreibtischtäter. Figuren wie Michael Douglas in "Falling Down": mit Krawatte, Aktenkoffer und Panzerfaust. Was wird nur passieren, wenn wir Schläfer erwachen.

TOBIAS RÜTHER

Burkhard Spinnen: Der Reservetorwart, Verlag Schöffling & Co, 18,90 Euro.

Rolf Dobelli: Und was machen Sie beruflich? Diogenes Verlag, 18,90 Euro.

Katja Kullmann: Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad, Verlag Kiepenheuer und Witsch, 14,90 Euro.

Nicole Müller: Kaufen! Verlag Nagel und Kimche, 14,90 Euro.

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