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: Erniedrigte und Beförderte

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Vielleicht ist es gerade der spezielle Schrecken unserer stoßgedämpften Arbeitswelt, dieser "Komfortgemeinschaft", wie Peter Sloterdijk sie kürzlich nannte, daß wir glauben sollen, daß der Lohnerwerb nicht mehr weh tut, daß Arbeit enthierarchisiert wird und die Entscheidungen in die Breite verlagert oder breitgetreten werden, daß Unternehmen wie Großfamilien sind. In den Bürolofts der Berliner Republik wird mittags zusammen gekocht, sogar Sojamilch steht zum Aufschäumen für den Caffé Latte im Kühlschrank neben den probiotischen Joghurts bereit, und nach gemeinsamer Mahlzeit rollen die Kollegen auf ergonomischen Stühlen an ihre Schreibtische zurück. Es ist gemütlich, heimelig, stickig: Arbeitest du noch, oder klebst du schon an diesen Stühlen fest? Und ist es nicht weniger ein Schicksalsschlag als vielmehr ein Befreiungsschlag, wenn man zwischen diese Stühle gefallen ist? In Corinne Maiers "Bonjour Paresse" ist das (siehe gegenüberliegende Seite) schön nachzulesen.

Daß inzwischen mehr und mehr Schreibtische verwaist sind, darüber hat der Schweizer Autor Rolf Dobelli jetzt seinen zweiten Roman geschrieben. Vorigen Herbst schwamm er, der sich als CEO verschiedener Unternehmen offenbar ein Gespür für Konjunktur angeeignet hat, ganz oben auf einer Welle von Neuerscheinungen über das Leben und Leiden der "Thirtysomethings". Seine Hauptfigur Gehrer, den er in "Fünfunddreißig" noch in eine Lebenskrise stürzte, wird in "Und was machen Sie beruflich?" vor die Tür gesetzt, entlassen, eingespart.

Gehirnwäsche im Büro

Jetzt ist er nicht mehr Marketingchef, sondern arbeitslos, und nun driftet er ab. Doch was Sven Regeners Frank Lehmann in "Neue Vahr Süd" gelingt, nämlich der Nichtsnutzigkeit die höchstmögliche Betriebstemperatur abzuringen, das schafft Gehrer nicht. Er sackt ab, verwahrlost, erfriert am Ende.

Dobellis Roman ermüdet schon bald, bewegt sich in Kolumnen, kurzen Absätzen voran, die wie Aphorismen klingen sollen, doch meist prätentiös sind: "Manchmal läßt sich die Gegenwart nicht durch Denken aufhalten!" Oder unlesbar: "Draußen manifestiert sich heimatliche Destination." Für das eine grandiose Kapitel aber, das all den newspeak heutiger Bewerbungsgespräche aneinanderreiht, was die Gehirnwäsche einer ganzheitlichen Unternehmenskultur ("Das Thema ,Emotional Leadership' ist ganz top. Also: Weinen Sie mal! Los!") in ihrem ganzen Terror aufscheinen läßt, vergißt man Dobellis neunmalkluge Passagen gern.

"Die Boutiquen-Mädchen, die Ämter-Fräuleins, Handwerker und Büro-Ritter, kurz: die Dinosaurier der Fünfunddreißigstundenwochenkultur sind inzwischen nicht nur eine vom Aussterben bedrohte Minderheit, sie sind auch die Bewahrer einer ehemals hart umkämpften Errungenschaft: Erst seit dem Kaiserreich kennen wir das freie Wochenende als Exerzierplatz der Innerlichkeit." Das ist Feuilleton. Oder besser: Rollenprosa, die Katja Kullmann einem Kulturjournalisten in den Mund gelegt hat. Der ist ein aufgeblasener Schwätzer, ein Klugscheißer, und doch verliebt sich Mona in ihn, die aus dem Sauerland in die Stadt gekommen ist und ihm nun einmal die Woche im "Studio de la Beauté" den Rücken massiert.

"Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad" heißt die kleine Erzählung der Kölner Autorin, die vor zwei Jahren mit ihrem Ratgeber "Generation Ally" einigen Erfolg hatte. Das neue Buch ist ein Musterfall des aktuellen Angestelltenromans, aus präziser Beobachtung geschöpft, was wohl auch daran liegt, daß Katja Kullmann für ihr erstes Buch sehr genau studiert hatte, wen sie da im zweiten beschreibt: Frauen im Postfordismus, so hätte es wohl der Feuilletonist aus ihrer Erzählung betitelt.

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