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Erlanger Poetenfest : Achten Sie auf die Realität

  • -Aktualisiert am

Wortfänger: Dzevad Karahsan beim Poetenfest in Erlangen Bild: Erich Malter

Literatur muß man nicht kommentieren. Beim viertägigen Erlanger Poetenfest gab man sich mit dieser Maxime selten zufrieden. Auf der großen Wiese betrieb man Autoren-Zapping und fragte nach dem abwesenden Grass.

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          „Für mich ist Realität etwas, das mir verdächtig ist.“ So erläutert Thomas Glavinic im Erlanger Schloßgarten seinen neuen Roman „Die Arbeit der Nacht“ über die Ängste, Sehnsüchte, aber auch Kräfte eines in der Welt urplötzlich Alleingelassenen. „Von einer Minute auf die andere könnten hier Eisberge erscheinen“, phantasiert der Wiener Autor mit Blick auf den ihn umgebenden grünlauschigen Park.

          Verdächtigungen der Realität sind auf dem 26. Erlanger Poetenfest keine Seltenheit: Häufig hört man an diesem verlängerten letzten Augustwochenende von Zweifeln, Mißtrauen, Kehrseiten, Selbstkrisen, Phantastereien und Wissenssuchen. Ganz so allein gelassen wie bei Glavinic ist man dabei aber nicht: Rund 10000 Besucher begegnen gut siebzig Schriftstellern, Journalisten, Künstlern, Wissenschaftlern bei Lesungen, Ausstellungen, Shows und nicht gerade geizig besetzten Podiumsdiskussionen, tagelang, nächtelang, füllfedernah.

          3500 worthungrige Besucher

          Doch was eigentlich machte dieses Erlanger Poetenfest zum Fest? Feierte man, daß es trotz der so verdächtigen kulturpolitischen Realität immer noch lebte? Feierte man, daß Nico Bleutge seinen Debütband „klare konturen“ zum ersten Mal in Händen hielt und sogleich empfindsame Meeresgedichte daraus las? Oder daß Paul Maar im ersten Werkstattgespräch für Kinder und Jugendliche Kurioses aus seiner Namenssammlung vortrug? Daß Tobias Hülswitt sich in „Der kleine Herr Mister“ auf ulkige Weise an „Faust“ und „Tonio Kröger“ erinnert?

          Glück mit dem Wetter: das Hauptpodium im Schloßgarten

          Oder daß Annette Pehnt (ihr „Haus der Schildkröten“ dringt in die Untiefen eines Altersheims, die Demütigungen der Alten, die Berührungsängste der Jungen) und Friedrich Christian Delius (sein „Bildnis der Mutter als junge Frau“ ist der Ein-Satz-Spaziergang einer jungen Schwangeren durch das fremde Rom von 1943) aus nachdenklichen Prosawerken lasen, die es offiziell noch gar nicht gab? Oder war es einfach der Anblick der dreieinhalbtausend prophylaktischen Regenjacken von dreieinhalbtausend worthungrigen Besuchern, welche im gut organisierten, obendrein kostenlosen Leser-wechsel-dich-Prinzip zwischen den literarischen Welten auf den vier Podien im Schloßgarten lustwandelten? Die aufregende Essenz des Festes liegt doch in der Gleichzeitigkeit, im Autoren-Zapping auf der grünen Wiese.

          Minderwertigkeitskomplex „Leitkultur“

          An den vier Abenden dieses Literaturspätsommers, der dem Publikationsherbst bereits ins Manuskript schielte, wurden vier internationale Autoren in intensiven Einzelporträts gefeiert: der aus Hermannstadt stammende Wortwürfler Oskar Pastior, der Sarajevo-Grazer Erzählkünstler Dzevad Karahasan, der schwedische Biographiendichter Per Olov Enquist und die Wiener Tiefenpoetin Friederike Mayröcker. Im Gespräch mit Verena Auffermann über seinen charismatischen Essayband zu Frauen und Gärten sowie den beklemmenden bosnischen Heimkehrerroman „Der nächtliche Rat“ klagte Karahasan über die „Tollwut des Sich-Erklärens“ als „Krankheit unserer Zeit“.

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