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: Erinnerung an meine traurigen Huren

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Seine Bücher sind Ereignisse, die seine Lesergemeinde so inbrünstig herbeisehnt, wie Astronomen das Auftauchen eines großen Kometen erwarten. Als bekannt wurde, daß Gabriel García Márquez nach einer Pause von zehn Jahren wieder einen Roman veröffentlichen würde, geriet ein großes Räderwerk aus Hoffnungen und Spekulationen in Gang.

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          Seine Bücher sind Ereignisse, die seine Lesergemeinde so inbrünstig herbeisehnt, wie Astronomen das Auftauchen eines großen Kometen erwarten. Als bekannt wurde, daß Gabriel García Márquez nach einer Pause von zehn Jahren wieder einen Roman veröffentlichen würde, geriet ein großes Räderwerk aus Hoffnungen und Spekulationen in Gang. Der Erscheinungstermin des Buches wurde mehrmals verschoben, und noch bevor die spanischsprachige Erstauflage mit der gewaltigen Zahl von einer Million Exemplaren erschienen war, hatten die Raubdrucker sich ans Werk gemacht (F.A.Z. vom 23. Oktober). Aber der kolumbianische Fuchs schlug ihnen ein Schnippchen. Zwar konnte auch der Nobelpreisträger nicht verhindern, daß der Raubdruck schon vor der Verlagsausgabe zu einem Drittel des regulären Preises angeboten wurde, aber er täuschte die Betrüger mit einem Trick: García Marquéz schrieb eine zweite Version seines Schlußkapitels, so daß der Roman in der Version des Raubdrucks ein anderes Ende nimmt als in der legalen Fassung. Das mag lästig sein, aber welcher Autor wäre nicht froh, wenn das übergroße Interesse an seinen Werken solche Vorsichtsmaßnahmen erforderlich machte?

          Siebenundsiebzig Jahre alt ist García Márquez jetzt, und er hat die Arbeit an seiner Autobiographie unterbrochen, um einem Erzähler eine Stimme zu geben, der dreizehn Jahre älter ist als er selbst. Zu seinem neunzigsten Geburtstag will dieser Greis sich eine Liebesnacht mit einem jungen, noch unschuldigen Mädchen schenken. Er wendet sich an eine Kupplerin, die ihm schon oft behilflich war, denn sein Leben lang hat der Erzähler alle Frauen, mit denen er das Lager teilte, nach dem Liebesakt bezahlt. Selbst den Frauen, die sich ihm freiwillig hingaben, machte er stets reiche Geschenke. Daß er auch noch Buch führte über die Zahl seiner Abenteuer, rundet das Bild vollends ab: ein reichlich zwanghafter Charakter, der anonymen Sex der Liebe vorzieht, ein Mann, der sich aus Angst vor der Gefangenschaft der Gefühle in den Käfig nackten Begehrens geflüchtet hat.

          Nachdem der amerikanische Romancier Philip Roth in seinen Romanen "Der menschliche Makel" und "Das sterbende Tier" die Obsession alter Männer für junge Frauen auf mitunter durchaus drastische Weise behandelt hat, taucht García Márquez dasselbe Thema nun in das schillernde Licht des magischen Realismus. Sein Erzähler ist anders als bei Roth kein vitaler Pensionär, der seine nachlassende Manneskraft mit pharmakologischer Hilfe zurückgewinnt, sondern ein seltsamer Greis von fast biblischem Alter, der zu seiner eigenen Überraschung das Mädchen, das in seiner Geburtstagsnacht vor ihm liegt, nicht anrührt, sondern nur mit den Augen liebkost. Bald ist aus der Begierde Liebe geworden, und dies ist, so gibt uns García Marquez zu verstehen, ein weit größeres Wunder, als Viagra es zu vollbringen vermag. Nacht für Nacht wacht der Alte bei seiner schlafenden Schönen, er liest ihr vor und singt für sie, er macht Pläne für die Zukunft, und er versinkt schließlich in tiefste Verzweiflung, als das Mädchen Delgadina eines Tages verschwunden ist. Voller Angst und Sorge, Delgadina könnte zu jener Hure geworden sein, zu der er sie in seiner Geburtstagsnacht hatte machen wollen, beginnt der Greis eine aussichtslos scheinende Suche.

          Der alte Mann und das Mädchen, das ist ein Topos der Weltliteratur, von Noah und seinen Töchtern bis zum lächerlichen Lüstling der Commedia dell'arte, von Marina Zwetajewas greisem Casanova, der sich auf Schloß Dux in eine Küchenmagd verliebt, bis zu Thomas Bernhards lebensmüdem altem Schauspieler, den nur noch ein zärtliches Gefühl für ein kleines Mädchen mit dieser Welt verbindet. García Márquez jedoch hat sich vor allem von Yasunari Kawabatas Roman "Die schlafenden Schönen" inspirieren lassen, und wie dieser Klassiker der modernen japanischen Literatur hat er eine Erzählung über Alter und Jugend, Eros und Tod, Schönheit und Vergänglichkeit geschrieben, die uns rührt und verstört. Gabriel García Márquez führt unseren Blick in Herzen, in denen wir Abgründe, und in Abgründe, in denen wir Herzen erkennen. Heute beginnen wir mit dem Vorabdruck der "Erinnerung an meine traurigen Huren".

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