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Erich Mühsam: Tagebücher. Band 1, 1910-1911 : Ein Anarchist in Anführungszeichen?

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Bild: Verlag

Jahrzehntelang schlummerten die Tagebücher von Erich Mühsam im Archiv. Nun ist ein erster Band veröffentlicht - und sofort vergriffen. Er ist ein einzigartiges Zeitdokument aus der Münchener Boheme im frühen zwanzigsten Jahrhundert.

          Bei strömendem Regen war ich eben im Dorf, um mir dies Heft zu kaufen.“ So lapidar setzen die Tagebücher des Schriftstellers und Anarchisten Erich Mühsam ein. 1878 in Lübeck geboren, bringen die Nationalsozialisten den Störenfried 1934 in Oranienburg um. Als der zweiunddreißig Jahre alte Mühsam im Schweizer Kurort Château-d'OEx im August 1910 sein erstes Tagebuchheft beginnt, liegen zehn Jahre der rastlosen Wanderschaft durch halb Europa, der anarchistischen Agitation in Berlin und München, ein Prozess wegen Geheimbündelei und Gefängnis hinter ihm. Doch Mühsam, obschon gesundheitlich angegriffen, hat keineswegs vor, sein Leben zu entschleunigen. Von nun an aber will er seine Begegnungen und Gedanken im Tagebuch festhalten, um zwischen nächtlicher Ausschweifung, täglicher Polit-Propaganda und literarischer Arbeit nicht den Kopf zu verlieren. Im Berliner Verbrecher Verlag ist dieser Tage der erste von geplanten fünfzehn Bänden von Mühsams Tagebüchern erschienen. Die erste Auflage ist schon vergriffen, die zweite soll im Laufe dieser Woche ausgeliefert werden. Zudem hat die Darmstädter Jury den Band zum „Buch des Monats August“ erklärt. Tatsächlich lässt sich kaum in Worte fassen, was für ein Schatz damit gehoben wird.

          Kurz nach der Jahrhundertwende lässt sich der jüdische Bürgersohn Mühsam in München nieder. Schnell taucht er ein in die Welt der Schwabinger Boheme. Doch große literarische Erfolge sind ihm nicht beschert. Mühsam fühlt sich verkannt und klagt im Tagebuch wiederholt darüber. Auch an bleibenden Nachruhm mag er nicht glauben: „Ich sehe schon meine Nekrologe: tausend ,Boheme'-Anekdoten, Anarchist in Anführungsstrichen und ,im übrigen nicht talentlos'.“ Er schlägt sich mit Gelegenheitsgedichten durch. Er verkehrt mit Wedekind, Heinrich Mann und allen, die in München Rang und Namen haben. Der heute so gut wie vergessene Max Halbe und der Ober-Bayer Ludwig Thoma zählen zu seinen Bekanntschaften ebenso wie die Boheme-Königin Franziska zu Reventlow, die das München jener Tage als „Wahnmoching“ verewigt.

          Kein Cent öffentliches Geld steckt bislang in dieser Edition

          Mühsam erlebt Weltkrieg und Revolution aus nächster Nähe. Im Frühsommer 1919 ist er einer der führenden Köpfe der kurzlebigen Münchner Räterepublik. Anschließend verschwindet er für Jahre in bayerischer Festungshaft. Nach seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten bringt Mühsams Witwe die Tagebücher in Moskau in trügerische Sicherheit. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie dort von Mitarbeitern des Innenministeriums gefleddert, die auf der Suche sind nach Material gegen als unzuverlässig eingestufte Elemente der deutschen Emigration. Einige der Hefte sind bis heute nicht wiederaufgetaucht. Nach ihrer Rückkehr aus diversen sowjetischen Lagern gelingt es Mühsams Witwe in den fünfziger Jahren immerhin, eine Mikrofilmkopie der erhaltenen Hefte nach Ost-Berlin zu schaffen, die seither im Archiv der Akademie der Künste liegt. Die Originale, über siebentausend Seiten stark, befinden sich noch immer im Moskauer Maxim-Gorki-Institut. In der DDR beginnt man sich erst in den siebziger Jahren für das schwierige Erbe dieses notorisch Unzuverlässigen zu interessieren. Gilt es doch auf einmal, dem im Zuge der Umbrüche nach 1968 im Westen wiedererwachten Interesse an Mühsam eine amtliche Lesart des besseren Deutschland entgegenzusetzen. In den achtziger Jahren sorgt Chris Hirte, ein junger Lektor beim DDR-Verlag Volk und Welt, für die Erschließung der Tagebücher. Der Plan zur Publikation wird dann jedoch vom jähen Ende des Arbeiter-und-Bauern-Staats durchkreuzt.

          Seither hat sich Hirte um eine vollständige Ausgabe der Tagebücher bemüht. Dass der kleine Verbrecher Verlag dieses Wagnis nun eingegangen ist, dazu kann man ihn nur beglückwünschen. Kein Cent öffentliches Geld steckt bislang in dieser Edition. Begleitet werden die Bände von einer Website, welche nicht nur Hinweise zu den im Tagebuch erwähnten Namen und Ereignissen gibt. Diese Hybrid-Ausgabe ist ein Zeugnis dafür, wie eine Internetplattform eine Textausgabe aufs vortrefflichste ergänzen kann.

          Die Psychologie dieses alten Mannes ist doch ganz rätselhaft

          Mühsams persönlicher wie intellektueller Lebensweg ist auch eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis in den Nationalsozialismus. Die strenge Erziehung des Vaters kann als gescheitert betrachtet werden, und Mühsam, der sich von der Familie um die Mittel zum guten Leben betrogen fühlt, wartet grimmig auf das Ableben seines alten Herrn, um endlich an ein bisschen Geld zu kommen. Der Vater aber will so schnell nicht sterben, und die dürren Worte, mit denen er sich für die Übersendung der jüngsten „Drucksache“ bedankt, wenn ihm der Sohn wieder einmal eines seiner Werke zuschickt, verletzen Mühsam zutiefst. „Die Handschrift immer noch fest und deutlich, nur in der Adresse, wo er sich offenbar besondere Mühe gab, etwas zittriger als früher. Die Psychologie dieses alten Mannes ist doch ganz rätselhaft. Immer wieder der gleiche Bescheid: Warte auf mein Ende!“

          Kneipenabende, Theater, Kabarett, Literatur und Politik, Geldsorgen und Frauengeschichten, das sind die häufigsten Themen im Tagebuch. Mit seinen erotischen Notaten verbindet Mühsam den Anspruch schonungsloser Offenheit, er will keinesfalls „vor einer Entblößung meiner Geschlechtlichkeit haltmachen. - Mit dem Stubenmädel hier habe ich seit heute Nacht ein richtiges Verhältnis. Bisher hatten wir uns nur geküßt. Gestern hatte sie Ausgang und ich führte sie auf die Oktoberwiese, die heute geschlossen wurde, und nachts kam sie zu mir ins Zimmer. Es stellte sich die überraschende und merkwürdige Tatsache heraus, daß das zwanzigjährige Mädchen noch unberührt war, und so habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Deflorierung vorgenommen.“ Der trockene Ton, den Mühsam hier anschlägt, will sich nicht recht vertragen mit der Aura sanftmütiger Menschenliebe, die Mühsam ansonsten umgibt. In der Frauenfrage kann sich der Anarchist zeitlebens nicht recht entscheiden. Einerseits fordert er die Befreiung der Frauen vom Zwang der Ehe und das Recht auf ökonomische wie intellektuelle und nicht zuletzt sexuelle Selbstbestimmung. So heißt es einmal im Tagebuch: „Alle Kunst, alle Wissenschaft, alle Technik, alle Arbeit ist Kultur für Männer. Die Emanzipation des Weibes wird das Bedürfnis nach einer Kultur wecken, die das Wesen der Frau mitberücksichtigt. Dadurch werden die Frauen selbst produktiv werden und alle Kultur wird um eine Hälfte bereichert werden, von der wir heute noch garnichts kennen. Eine Weltgeschichte, von einer Frau geschrieben - was für Perspektiven!“ Solche Positionen vertritt Mühsam auch öffentlich. Ein Feminist im heutigen Wortsinne aber ist er nicht. So ist Mutterschaft für ihn das unbefragte Ziel weiblichen Seins, das sich ansonsten männlichen Wünschen dienstbar zu machen hat. Immer wieder verblüfft die machistische Kaltschnäuzigkeit, mit der Mühsam seine Gespielinnen taxiert. „Hurenweib“ zählt dabei noch zu den wohlmeinenden Epitheta. Und auch auf käufliche Liebe greift Mühsam gern zurück. Kein Wort findet sich über die düsteren wirtschaftlichen Grundlagen der Dienstmädchen-Prostitution. So heißt es über „eine sehr nette Hure“, die Mühsam eines Abends mit nach Hause nimmt, nur knapp: „Das Mädchen gefiel mir sehr gut, hat eine hübsche Figur, wenigstens vom Nabel abwärts (leider Hängebusen), ist 23 Jahre alt und steht ihrem Beruf mit großer Unbefangenheit und garnicht moralistisch gegenüber. Ich gab ihr 12 Mark.“

          Vieles von dem, was Mühsam dichtet und publiziert, ist heute allenfalls von literarhistorischem Interesse. Manche Trouvaille ist darunter, doch ein eigentliches Hauptwerk hat er nicht hinterlassen, zu sehr war er beschäftigt mit dem täglichen Leben, der Agitation für seine anarchistische Sache und dem Kampf gegen den heraufziehenden Faschismus, dessen Aussichtslosigkeit er zu spät begreift. In diesen Tagebüchern aber findet der Schriftsteller Erich Mühsam zu sich selbst und erschafft ein einzigartiges Zeitdokument.

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