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Erich Loest: Man ist ja keine Achtzig mehr : Sprengmeister der Erinnerung

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Auch wenn er kürzlich 85 Jahre alt wurde: In seinem Tagebuch zeigt sich Erich Loest als frischer, energischer Kritiker der deutschen Geschichte. Noch einmal werden falsche Zeugen benannt und laue Legenden korrigiert.

          Es soll sein letztes Buch sein, hat Erich Loest angekündigt, aber glauben muss man ihm das nicht. Nur das er keine Romane mehr schreiben will, aus altersbedingten Beschwerlichkeitsgründen, wäre einzusehen. Dieses letzte ist auch darum ein Tagebuch; zum Glück unterwirft sich der Autor keiner strikten Chronologie. „Mit meinem Tagebuch beginne ich unvermittelt und höre vermutlich aus irgendwelchen Gründen irgendwann auf“, teilt er seinen bis dahin vermutlich schon sehr überraschten Lesern auf Seite zwölf mit.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          „Man ist ja keine Achtzig mehr“ beginnt mit einem Paukenschlag, einem Brief des Sohnes, der seinem alten Vater mitteilt, er werde ihm, wenn er nicht zahle, den Gerichtsvollzieher schicken. Es geht um den Linden-Verlag, den Erich Loest selbst gegründet hat und in die Hände seines Sohnes legte, mitsamt seinen Büchern. Der Sohn hat sie lange, doch mit wenig Fortune betreut, bis es offensichtlich nicht mehr ging. Viele hatten Loest vor dieser Konstruktion gewarnt und warum er das trotzdem so machte, kann man nur ahnen. Als dieser, sein erstgeborener Sohn, sieben Jahre alt war, holte die Stasi die Eltern ab. Die Mutter kam nach Monaten frei, der Vater blieb siebeneinhalb Jahre im Zuchthaus, zum Feind jenes Staates erklärt, den er nach dem Krieg mit allergrößten Hoffnungen und viel Leidenschaft mit aufzubauen begann.

          Hadern mit den Kulturbürokraten

          „Nie gelang es mir, den Jungen von sieben und den von vierzehn innerlich zur Deckung zu bringen, es blieben für mich zwei Menschen“, notiert Loest über seinen Verlegersohn im Tagebuch, das bis dahin immer mal wieder von aberwitzigen Prozessen um die Urheberrechte, vor allem die des Romans „Völkerschlachtdenkmal“ berichtet. Loest schreibt, um seine Freiheit als Autor zurückzugewinnen, schließlich alles noch einmal, nur anders, als „wasserdichtes Remake“, dem er den Titel „Löwenstadt“ gibt. Auch in diesem Roman durchleidet der Sprengmeister Fredi Linden die DDR, aber er erlebt nun auch, glücklich, ihren Untergang und reibt sich alsbald an neuen Querelen in der freien, der anderen Zeit. Wer Erich Loest kennt - wer nicht, lese dieses Tagebuch -, erblickt hinter neuen Konflikten den Autor, der wie Fredi Linden seiner geliebten Löwenstadt ein ziemlich unbequemer, weil unbestechlicher Zeitgenosse bleibt.

          Die Tragödie mit dem Sohn, der den Vater zwar nicht mehr verlegen will, aber auch nicht loslassen kann, durchzieht dieses Tagebuch; sie ist neben den Zumutungen des Alters eine der wenigen Niederlagen, die dem großen Chronisten im Sinne des Wortes ans Herz greift. Ansonsten ist „Man ist ja keine Achtzig mehr“ ein typischer Loest, dessen reiches Werk den Resonanzboden hergibt für diese in alltägliche Notizen eingebetteten Erinnerungen. Zuweilen scheint es nur kleinkariertes Hadern mit den Kulturbürokraten seiner Heldenstadt zu sein, der ihm die Tage vergällt. Das Marx-Relief an der Universität, das Loest mit guten Gründen weghaben will oder die vor sich hindümpelnde SPD, seine politische Traumheimat, die das Feld ohne Not immer wieder den alten Seilschaften von der Linken überlässt; die peinlichen Auftritte zu den Jubiläumsfeiern der Revolution von 1989 - das alles fügt sich zu einer eigenwilligen Chronik der zwei Jahrzehnte nach der Epochenzäsur. Eingewebt in diesen Flickenteppich sind die Erinnerungen eines exemplarischen Lebens, das von den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts heimgesucht und geprägt worden ist.

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