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Erich Kästner: Der Gang vor die Hunde : Fabian, bevor er unter die Schere kam

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Wie Hanuschek in seinem Nachwort erklärt, beanspruche die neue Ausgabe nicht, einen historisch-kritischen Überblick über die verschiedenen Romanfassungen zu bieten. Insoweit verfolge sie nicht in erster Linie ein wissenschaftliches Interesse - obwohl alle Varianten und Streichungen vom Herausgeber ausführlich aufgelistet werden. Man wolle vor allem dem Publikum Kästners Roman so zugänglich machen, „wie er vom Autor geplant und gemeint war“. Da „Der Gang vor die Hunde“ sexuell noch expliziter sei und auf politischer Ebene Provokationen enthalte, die im „Fabian“ fehlten, sei die neue Ausgabe „geeignet, das Bild dieses Autors zu verändern“.

Aber es ist zu bezweifeln, dass die Neuausgabe unsere Leseerfahrung und unser Verständnis der Bedeutung des Romans komplett umkrempeln oder uns wirklich skandalisieren könnte. Abgesehen von vielen einzelnen Fragmenten und einigen pikanten Sätzen, sind die wirklich neuartigen Passagen im neuen Band nur zwei: ein Kapitel, das die Blinddarmoperation von Fabians Chef in der Werbeagentur, dem Direktor Breitkopf, auf recht unappetitliche Weise schildert, und die Beschreibung einer Busfahrt Fabians und seines besten Freundes Labude durch Berlin, auf der sich die beiden, zum Ärger der übrigen Passagiere, über Berlins Monumente lustig machen - so sei der Berliner Dom eine „Hauptfeuerwache“ und die „Pferdchen“ auf dem Brandenburger Tor „ein Denkmal für die letzten Droschken“.

Von den Hundstagen der Weimarer Republik

Eines aber bietet der neue Band zweifellos: die glückliche Gelegenheit, „Fabian“ - oder nun „Der Gang vor die Hunde“ - wieder zu lesen, einen Roman, der, wie jedes brillante Werk der Literatur, eine merkwürdige Truhe ist, in die man viel Verschiedenes reinlegen kann, ohne dass sie dadurch überfüllt würde. Kästners schwermütiges Märchen für Erwachsene ist - nicht unähnlich seinen unendlich warmherzigen Kinderbüchern, seinen bloß scheinbar undramatischen Gedichten - vieles gleichzeitig: einer der größten Stadtromane der großstadtverliebten Weimarer Republik; eine philosophische Parabel und ein „Plädoyer für die Vernunft in den Zeiten der Unvernunft“ (Marcel Reich-Ranicki); das nüchterne Porträt eines enthemmten Milieus am Vorabend der Katastrophe; literarische Fiktion mit autobiographischen Zügen; freche, freie, selbstironische Satire. Vor allem war das Buch für Kästner eine Warnung an die Zeitgenossen die, „störrisch wie Esel, rückwärts laufen, einem klaffenden Abgrund entgegen“ (so in „Für die Sittenrichter“).

Dass diese Warnung wirkungslos war, zeigen die Jahre, die nach der Veröffentlichung des Romans folgten. Dass sich Kästner der essentiellen Unwirksamkeit jener Warnung bewusst war, zeigt die verstörende letzte Seite. Dass der Autor sich trotz allem, ganz nach seinem Moralisten-Kampfspruch („Dennoch!“), nicht entmutigen ließ, zeigt der Roman selbst, die Tatsache, dass Kästner dieses ebenso zärtliche wie unverschämte, kühle wie ergreifende menschliche Buch schrieb.

So könnte man über Kästner das sagen, was Jorge Luis Borges einmal über Voltaire schrieb, der das Leben auf der Erde für eine Anhäufung von Unglücksfällen und Bosheiten hielt: Das möge stimmen, das Leben möge, wie es im „Gang vor die Hunde“ steht, eine ganz „schlechte Angewohnheit“ sein. Näher betrachtet aber, kann die Welt gar nicht so schlecht sein - sie hat uns schließlich Erich Kästner geschenkt.

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