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Vuillards „Der Krieg der Armen“ : Müntzer, der Idealist

  • -Aktualisiert am

Plastik Thomas Müntzers vor dem Rathaus in Stolberg Bild: Picture-Alliance

Für „Die Tagesordnung“ bekam Éric Vuillard den Prix Goncourt. Mit „Der Krieg der Armen“ nimmt er sich abermals ein „deutsches“ Thema vor. Linksdemokratische Gänsehautliteratur.

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          Nach „Die Tagesordnung“ (2017 ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt) nimmt sich Éric Vuillard wieder ein „deutsches“ Thema vor. Dieses Mal ist es allerdings nicht ein nur wenige Jahrzehnte zurückliegendes Ereignis wie der Pakt der Großindustrie mit einem gewissen „böhmischen Gefreiten“, sondern ein zeitlich weit entferntes Geschehen: „Der Krieg der Armen“ behandelt die Figur Thomas Müntzer (1489 bis 1525) und den Bauernkrieg in Thüringen.

          Die Erzählung beginnt mit der Hinrichtung von Müntzers Vater durch den Grafen zu Stolberg um 1500 und durchläuft dann rasch die Lebensstationen ihres Helden: „Schließlich studierte er in Leipzig, wurde Pfaffe in Halberstadt, in Braunschweig, dann irgendwo Propst, und nach einer ganzen Reihe von Kalamitäten mit dem gemeinen Volk der Lutheranhänger kroch er 1520 aus seinem Loch, zum Prediger ernannt in Zwickau.“

          Vuillards Fokus liegt auf den letzten fünf Jahren, 1520 bis 1525, in denen Müntzer unter anderem in Zwickau, Prag, vor allem aber in Allstedt, Mühlhausen und Frankenhausen wirkte. Der auch von Luther verurteilte Spiritualist und Apokalyptiker wurde mitsamt seinem Bauernheer in der Schlacht bei Frankenhausen vernichtend geschlagen; der „Theologe der Revolution“ (Ernst Bloch) wurde eingekerkert und wie sein Vater hingerichtet.

          Im Zeichen großer Vorbilder

          Müntzer ist eine der Ikonen frühneuzeitlicher Rebellion und gerade als sozial orientierter, autoritätskritischer Widerpart zu Luther eine beliebte Figur der sozialistischen Geschichtsschreibung. Als solcher ist er auch Gegenstand von Kritik, und Vuillard verteidigt seinen „leidenschaftlichen Idealisten“, der „von der Medizin verspottet“ würde. Wie dem auch sei, „Der Krieg der Armen“ bestätigt eine Wende im Werk des 1968 in Lyon geborenen Vuillard, die er mit einem Roman zur Französischen Revolution eingeleitet hat: Während Romane wie „Kongo“ (2012) oder „Traurigkeit der Erde“ (2014) von der Unterwerfung der Welt durch den Okzident erzählten, inszenierte „14. Juli“ (2016) den Sturm auf die Bastille aus Sicht der Teilnehmer, unternahm also eine Inszenierung des Volkes, das Geschichte macht. Einfache, auch grobe Gestalten werden zu Handelnden heroischer Größe, ein epischer Atem durchzieht den Text – linksdemokratische Gänsehautliteratur.

          Nun also thüringische Bauern und der Visionär Müntzer. Es überrascht nicht, dass Vuillard als Vorbilder nicht die französischen Jacquerien des Spätmittelalters heranzieht, sondern religiös motivierte Revolten in England seit John Wyclif. Das freilich nimmt Raum in Anspruch, weitere zwölf von insgesamt gerade sechzig Seiten Text – das Bändchen ist definitiv zu dünn, zu kursorisch geraten. „Der Krieg der Armen“ wirkt seltsam abstrakt, es fehlen wichtige Lebensetappen und jene dichten Szenen, die, wenn sie gelingen, den Charme von Vuillards historischen Romanen ausmachen.

          Dieses Historiendrama steht im Zeichen großer Vorbilder, deren Einfluss seit Vuillards Hinwendung zum Volk noch spürbarer ist: Victor Hugo und Jules Michelet, der historische Roman und die romanhafte Historie in ihrer romantischen Ausprägung. Wie sie suchen Vuillards Texte epische Größe, der sich von Massenszenen nährt, von Teilen fürs Ganze, von Personifikationen, in denen ein Mann den Willen des Volkes inkarniert: „Ja, Müntzer ist gewalttätig, Müntzer faselt. Er ruft hier und jetzt zum Reich Gottes auf, ein Ausbund an Ungeduld. Ja, so sind die Empörten, eines schönen Tages quellen sie aus dem Kopf der Völker wie die Gespenster aus den Wänden.“

          Ebenso wichtig, wenn nicht entscheidender ist der Einsatz von Kontrasten und Symmetrien (Lästerzungen würden sagen: von Schwarzweißdenken) – böse Fürsten gegen gute Bauern. Das alles organisiert Vuillard in Szenen von dramatischer, ja theatralischer Beredsamkeit, die bisweilen ins Deklamatorische abrutschen, sicher jedoch einer bewusst und massiv eingesetzten Redekunst verpflichtet sind. Das muss man mögen, aber nicht zufällig ist Victor Hugo, der die rhetorische Emphase des Ancien Régime in die romantische Moderne gerettet hat, heute noch einer der meistgelesenen Autoren Frankreichs. Vuillard tut einiges, um ein zeitgenössisches Pendant zu Hugo zu werden, diesmal mit etwas weniger Erfolg, mangels Masse.

          Éric Vuillard: „Der Krieg der Armen“. Roman. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 66 S., geb., 16,– €.

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