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Buffalo Bill : Alles, was er anfasste, wurde zu Pappmaché

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Wie ein ehemaliger Journalist, Makler und Akrobat mit seinem Wildwest-Spektakel das moderne Showgeschäft erfand: Buffalo Bills Truppe reiste mit achthundert Menschen, fünfhundert Reitpferden und paar Dutzend Bisons um die ganze Welt. Bild: F.A.Z.

Achthundert Menschen, fünfhundert Reitpferde und ein paar Dutzend Bisons: Éric Vuillard erkundet in seiner schillernden Erzählung „Traurigkeit der Erde“ die Anfänge des modernen Massenspektakels bei Buffalo Bill.

          Buffalo Bill (1846 bis 1917) ist eine legendäre Gestalt: Sein Name versetzt uns in den Wilden Westen, die berühmte Landnahme mit ihren manchmal ruhmreichen und oft grausamen Exzessen; er ist ein Symbol, wie die Namen Geronimo, Billy the Kid, Wyatt Earp und Konsorten. Interessant scheinen den Kindern in uns meist die blutigen Taten des jungen Schützen; seine „Wild West Show“ wirkt wie ein anekdotischer Nachklapp. Éric Vuillard tritt an, die Gewichte neu auszutarieren: „Traurigkeit der Erde“ erzählt nicht einfach „Eine Geschichte von Buffalo Bill Cody“, wie der Untertitel ankündigt, sondern zeigt uns die eminent moderne Seite der Figur. Denn ausgerechnet die „Wild West Show“, dieses traurige Imitat früherer Kämpfe, ist hier das eigentliche Werk Buffalo Bills, sein Beitrag zur Mentalitätsgeschichte: „Der ehemalige Journalist, Makler und Leiter einer Akrobatentruppe erfand in einem perfekten Zusammenführen des Menschen mit seiner Zeit das show business.“

          Vuillard beginnt mit dem Höhepunkt: Die Show begeistert die Besucher der Weltausstellung von Chicago 1893, sie reißt auf Tourneen in Amerika und Europa die Massen hin. Bereits die schiere Fracht der Transportschiffe lässt die Dimensionen des Spektakels erahnen: „Die Laderäume enthielten 1200 Pfähle, 4000 Masten, 30.000 Meter Tauwerk, 23.000 Meter Segeltuch, 8000 Sitze, 10.000 Holz- und Eisenteile, und alles zusammen sollte etwa hundert, mithilfe von drei Dynamos erleuchtete und mit Flaggen aus aller Herren Länder bekrönte Zirkuszelte ergeben. Die Truppe zählte achthundert Menschen, fünfhundert Reitpferde und ein paar Dutzend Bisons.“ Je 15.000 Zuschauer können zwei Vorführungen am Tag besuchen.

          „Die Zivilisation ist eine riesige, unersättliche Bestie“

          Was treibt sie dazu? Für Vuillard ist der Erfolg der „Wild West Show“ Hinweis auf die Geburt des modernen Menschen: „Die amerikanischen Städter, diese neue Sorte von Menschen, die sich hartnäckig nur um sich selbst drehten, die im Ursprung ihrer Angst das Gefühl hatten, etwas Besonderes zu sein, auserwählt vom Genius des Fortschritts, um die Fackel der Menschheit zu ergreifen und sie höher zu halten als je irgendjemand vor ihnen, nun ja, diese amerikanischen Städter wollten Zeugen von etwas anderem sein, sie wollten im Geiste die Great Plains durchqueren, die Schluchten des Colorado durchmessen und das Leben der Pioniere erleben.“ Es geht schlicht um Teilhabe an der Geschichte der Nation, die im Westen gerade geschrieben wurde.

          Man ahnt es: All das lässt die Eroberung Amerikas und den westlichen Fortschritt in keinem guten Licht erscheinen. Der 1968 in Lyon geborene Autor hat bereits kritische Bücher über die Kolonialisierung Zentralafrikas („Kongo“, 2014) und Lateinamerikas („Conquistadors“, 2009; nicht übersetzt) veröffentlicht, mit dem Ziel, gängige europäische Geschichtsbilder zu korrigieren. „Traurigkeit der Erde“ wendet diesen Ansatz nun auf Nordamerika an: „Die Zivilisation ist eine riesige, unersättliche Bestie. Sie frisst alles.“

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