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: Er folgt errötend ihren Schuhen

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In der Essaysammlung, die Wilhelm Genazino im vergangenen Jahr unter dem Titel "Der gedehnte Blick" publizierte, findet sich eine Untersuchung über das Komische. Sie kommt als Glossierung der Klassiker daher, erörtert im Vorübergehen die Humortheorien von Jean Paul bis Helmuth Plessner. Ist Komik unter ...

          In der Essaysammlung, die Wilhelm Genazino im vergangenen Jahr unter dem Titel "Der gedehnte Blick" publizierte, findet sich eine Untersuchung über das Komische. Sie kommt als Glossierung der Klassiker daher, erörtert im Vorübergehen die Humortheorien von Jean Paul bis Helmuth Plessner. Ist Komik unter aller Menschenwürde? Zu diesem unheimlichen Gedanken gibt Henri Bergson Anlaß, der am Gelächter die polemische Natur des Sozialen herausarbeitet. Das Lachen ist Kampf, ist für Bergson dem Wesen nach Auslachen. "Es wird ausgelöst", so faßt ihn Genazino zusammen, "wenn einer Gruppe von Menschen an einem einzelnen ein Zuviel an Starre und Unlebendigkeit auffällt und damit der Eindruck entsteht, daß ,etwas Lebendiges von etwas Mechanischem überdeckt wird'." Lachen macht uns, so Bergson wörtlich, die "vorübergehende Verwandlung einer Person in ein Ding".

          Nach diesem Verfahren der Verdinglichung ist eine der komischsten Stellen in Genazinos jüngstem Roman "Die Liebesblödigkeit" gearbeitet. Der Ich-Erzähler hat sich eine freiberufliche Existenz als Apokalyptiker aufgebaut, liefert in Schweizer Hotels einer gutbetuchten Klientel zumeist fortgeschrittenen Alters zeitdiagnostische Rechtfertigungen ihres Unbehagens in der Kultur. Im Salon "Burgund" des Hotels "Seeblick" in Interlaken treten die Teilnehmer eines solchen Seminars zusammen. Das Protokoll des Seminarleiters hält fest: "Eine Investmentexpertin aus Stuttgart, die sich auf der rechten Hufeisenhälfte niedergelassen hat, legt immer mehr von sich ab. Zuerst die Uhr und den Armreif, dann die Brille und die Ohrringe. Gerade zieht sie ihre Schuhe aus, dann sind Ringe und Haarspange dran. Mit Ausnahme der Schuhe liegen alle Gegenstände auf dem Tisch."

          Die Dame, die mit Investitionstips handelt, aber die Kursgebühr entrichtet hat, um sich sagen zu lassen, daß es keine Zukunft mehr gibt, macht eine lächerliche Figur. Durch ostentative Entblößung stellt sie sich ein auf ultimative Enthüllungen; auf die Vernichtung aller Werte bereitet sie sich vor, indem sie sich aller Wertsachen entledigt, nicht ohne sie im letzten Moment noch ins rechte Licht zu rücken. Weise Worte weiser Männer will sie vernehmen, aber ihr Ritual der Sammlung verrichtet sie gedankenlos, wie ein Roboter. Wäre wirklich das Ende der Welt zu verkünden, wie wäre sie durch den Ruf zur Umkehr zu erreichen? Sie hat noch nach jedem Seminar Armreif und Uhr wieder übergestreift.

          Die am Tag liegende Mechanik der Erwartungen ist das Komische an einem Kulturbetrieb, der sich durch Untergangsszenarien schadlos hält. Auch die Bekannten des Ich-Erzählers haben Marktlücken für Geisteswissenschaftler entdeckt: Die Zivilisationskrankheiten ernähren einen eigenen diagnostisch-therapeutischen Komplex voller Schockforscher, Ekelreferenten und Panikberater. Und wir Genazinoleser haben an der ganzen Misere unseren Spaß, schließen uns zusammen im Gelächter über die hilflose Bildungsbeflissenheit einer Finanzexpertin, die wohl zuviel Geld hat - sonst blätterte sie es nicht hin für einen Vortrag über den Faschismus der Massenunterhaltung, wie sie ihn auch in der Zeitung hätte lesen können, beispielsweise im vergangenen Oktober, als die Rede gedruckt wurde, mit der Wilhelm Genazino sich in Darmstadt für den Büchnerpreis bedankt hat.

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