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Enzensbergers Brüssel-Polemik : Die Bürokratie frisst ihre Bürger

Bild: Verlag

In Brüssel haust ein bürokratisches Ungeheuer, und es bedarf schon eines Essayisten wie Hans Magnus Enzensberger, um ihm Paroli zu bieten.

          Während sich in der arabischen Welt die Völker erheben und nach Selbstbestimmung und Demokratie rufen, versinkt Europa in einer Diktatur. Seine demokratischen Traditionen werden ausgehöhlt und zerstört, seine Bürger schikaniert und gegängelt. Die Macht, die das Volk an seine Vertreter delegiert hat, ist klammheimlich weitergewandert, sie hat sich zurückgezogen an einen unzugänglichen Ort, den keines Menschen Auge je erblickt hat. Wer wirklich herrscht, wo die Fäden zusammenlaufen und von wem sie in welcher Absicht gezogen werden, das weiß niemand. Gesetze und Verordnungen werden erlassen, aber die Bewohner der alten Welt verstehen ihren Wortlaut nicht mehr. Fast könnte man meinen, ein Volk von Außerirdischen sei unbemerkt auf der Erde gelandet und hätte sich als erstes Europa unterworfen, vielleicht, weil seine Angehörigen dort besonders gut gedeihen. Es ist das Volk der Technokraten.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Nein, es ist kein dystopischer Roman, der diesen Plot von der Unterwerfung Europas durch eine anonyme Macht entwirft, sondern ein Essay. Kein fiktionaler Text also, sondern einer, der seinen Gegenstand der Realität entnimmt, um ihn zu beschreiben und zu analysieren. Sein Autor ist kein Herkules, der es sich zur Aufgabe gemacht hätte, den europäischen Augiasstall auszumisten. Er will lediglich die seit Jahrzehnten darin weilenden Rindviecher aufwecken. Deren Zahl allerdings ist groß: Es sind ungefähr fünfhundert Millionen.

          Dieses Monstrum hat eine Geschichte

          So viele Bürger leben zurzeit in der Europäischen Union. Jeder einzelne von ihnen sollte sich die Zeit nehmen, die knapp siebzig Seiten zu lesen, die Hans Magnus Enzensberger jetzt unter dem Titel „Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas“ vorgelegt hat. Diese Schrift ist das deutsche Gegenstück zu Stéphane Hessels französischer Kampfschrift „Empört euch!“, die im Heimatland des dreiundneunzigjährigen Franzosen eine Millionenauflage erreicht hat (F.A.Z. vom 5. Januar). Auch Enzensberger zielt auf Empörung ab, er will wachrütteln, aber dabei setzt er, wie es seit Jahrzehnten seine Art ist, nicht auf die erregte große Geste, sondern auf das Argument. Auf was für ein Wespennest er mit seinem Florett zielt, zeigten schon die Reaktionen auf seine Dankesrede zum Sonning-Preis, die in dieser Zeitung veröffentlicht wurde (F.A.Z. vom 3. Februar 2010) und die den Kern des neuen Essays bildet.

          Enzensberger hat gründlich recherchiert. Geduldig zählt er Fakten auf, reiht Indiz an Indiz, wie in einem Kriminalfall. Sein Tonfall ist unverwechselbar: entspannt und präzise, stets sprungbereit und dabei von jener sanften Ironie, unter deren Oberfläche die scharfen Klingen des Vivisekteurs lauern. Enzensberger will nicht einfach mal gegen die EU polemisieren, er will ein in seiner Machtgier sich unaufhaltsam voranwälzendes Ungeheuer entlarven. Dieses Monstrum hat eine Geschichte, aber kaum jemand kennt sie. Enzensberger erzählt von ihr, was jeder Europäer wissen sollte.

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