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: Enrico Türmers unternehmerische Sendung

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Es war vorauszusehen, daß es das neue Buch von Ingo Schulze schwer haben würde. Schon die lange, umwegige, und vom Autor selbst freimütig als mühsam und krisenhaft geschilderte Entstehungsgeschichte ließ wenig Gutes ahnen. Viel war schon davon zu hören und lesen, jahrelang und bis zuletzt wurde daran herumlektoriert, ...

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          Es war vorauszusehen, daß es das neue Buch von Ingo Schulze schwer haben würde. Schon die lange, umwegige, und vom Autor selbst freimütig als mühsam und krisenhaft geschilderte Entstehungsgeschichte ließ wenig Gutes ahnen. Viel war schon davon zu hören und lesen, jahrelang und bis zuletzt wurde daran herumlektoriert, operiert, vielleicht auch amputiert, so daß man schon meinen konnte, es sei kein Fall für den Berlin Verlag, sondern eher für die Intensivstation der Charité. Und jetzt liegt er vor und wirkt mit gut 650 Seiten Haupttext, einem Vorwort, zahlreichen Fußnoten und fast 150 Seiten Anhang immer noch wie ein aufgeschwemmter, aus der Form gegangener Halbbruder des schlanken, schlackenlosen, mattglänzend prunkenden Vorgängers "Simple Stories", mit dem Schulze 1998 zu einem der wichtigsten deutschen Schriftsteller wurde.

          Den Vergleich der beiden Bücher liegt nahe, zu nahe vielleicht. Nicht nur nimmt die Spielfeld-Optik des Buchcovers subtil die quadratischen Muster der "Stories" auf, auch der ähnlich lakonische Titel scheint eine Fortsetzung zu versprechen. Und schließlich deutet der Schauplatz der Handlung - der provinziell-beschauliche Mikrokosmos des ostthüringischen Städtchens Altenburg der Nachwendezeit - auf eine Variation bekannter Gesichter und Gefühle hin. Soll, wo Carver war, nun Faulkner werden? Der barocke Untertitel ist die erste deutliche Warnung vor reflexhaften Vergleichen: "Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze". Ein Briefroman, dazu noch einer mit Herausgeberfiktion - geht es nicht noch ein bißchen altbackener?

          Zunächst gilt es, vor allzu raschem Abwinken zu warnen. Denn Schulze ist ein Meister der Finten und Fallen, und gerade die deutlichsten Wegweiser führen bei ihm stets in die Irre. Wo die "Stories" zunächst bodenständig-amerikanische Eingängigkeit versprachen und sich dann im Verlauf der Lektüre zu einem kompliziert verlinkten Hypertext auswucherten, gegen den sich die damals boomende Netzliteratur wie "Pacman" ausnahm, da ist es bei "Neue Leben" umgekehrt: Was verwirrend, verschroben und sperrig wirkt, erzählt eine im Grunde einfache Geschichte.

          Zeitlich hört "Neue Leben" etwa da auf, wo die "Stories" erst anfingen, in der zweiten Jahreshälfte 1990. Der Roman versammelt die Briefe, die der Journalist und Zeitungsgründer Enrico Türmer von Anfang Januar bis Mitte Juli '90 schrieb. Adressaten gibt es drei: die noch vor der Wende in den Westen ausgereiste Schwester Vera, den in Dresden lebenden Jugendfreund Johann, studierter Theologe und "in Dresden bekannter" Untergrunddichter, und schließlich die von Türmer schwärmerisch umworbene Nicoletta Hansen, eine Fotografin aus dem Westen. Während in den eher spärlichen Schreiben an Vera vorwiegend Familiäres verhandelt wird, entsprechen die beiden anderen, in chronologischer Folge angeordneten Konvolute (die Gegenbriefe an Türmer bleiben dem Leser vorenthalten) zugleich den wichtigsten Handlungssträngen: In den Briefen an Johann schreitet die rasante Entwicklung des Jahres 1990 voran; Nicoletta erzählt Türmer seine Lebensgeschichte bis zur Wende, so daß sich beide Zeitebenen aufeinander zubewegen: Die Briefe an Nicoletta enden inhaltlich dort, wo die an Johann (und Vera) einsetzen, so daß der Roman in einer raffinierten Kreisbewegung zu seinem Anfang zurückläuft.

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