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Emmanuel Carrères „Widersacher“ : Mensch oder Monster?

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Einsame Jugend: Flusslandschaft im franzöischen Juragebirge, wo der Mörder Jean-Claude Romand geboren wurde. Bild: © Conseil Général du Doubs

Emmanuel Carrères Antwort auf Truman Capotes Tatsachenroman „Kaltblütig“: „Der Widersacher“ beruht auf einem realen Mordfall, der Frankreich bewegte.

          Am 18. September 2018 wurde die Entscheidung über den Antrag auf Haftentlassung von Jean-Claude Romand zunächst vertagt; eine weitere Prüfung sei nötig, ein neues Datum wurde nicht genannt. Diese Vorsicht ist mehr als geboten im Fall eines Mannes, der Eltern, Frau und Kinder ermordet hat. Romand, geboren 1954, hatte ihnen gegenüber achtzehn Jahre lang vorgegeben, Arzt und medizinischer Experte der Weltgesundheitsorganisation in Genf zu sein, obwohl er sein Medizinstudium frühzeitig abgebrochen hatte. Als die Lebenslüge 1993 aufzufliegen drohte, brachte er seine Nächsten kurzerhand um. 1996 wurde er zu lebenslanger Haft mit zweiundzwanzig Jahren Sicherheitsverwahrung verurteilt. Im Gefängnis hat er seitdem den katholischen Glauben wiederentdeckt.

          Der Schriftsteller Emmanuel Carrère (geboren 1957) hatte sich schon damals für den Fall interessiert, vor Ort recherchiert, dem Prozess beigewohnt, Romand kontaktiert und getroffen. Das daraus entstandene Buch „L’Adversaire“ (2000) ist ihm schwergefallen: Sieben Jahre brauchte die Niederschrift und gelang erst, als er das Projekt bereits aufgegeben hatte und nur die wichtigsten Punkte für sich resümieren wollte. Das berichtet Carrère im Gespräch mit Claudia Hamm, der Übersetzerin, die das Buch nun unter dem Titel „Der Widersacher“ neu übertragen hat; das Gespräch ist aufschlussreich und bereichert den Band ungemein. Die neue Übersetzung erscheint bei Matthes & Seitz und ersetzt die vergriffene von Irmengard Gabler, die 2001 von S. Fischer als „Amok“ publiziert wurde.

          Im Rückblick sieht man die Bedeutung von „Der Widersacher“. Carrère liefert sein persönliches Äquivalent zu Truman Capotes „In Cold Blood“ (1965): die Wendung zur „non-fiction novel“, dem Tatsachenroman, den er in Frankreich populär macht. Die Unterschiede stechen ebenso ins Auge, etwa, dass Carrère sich selbst weniger einbringt als Capote; zugleich stellt Carrère seine persönliche Interaktion mit dem Mörder viel skrupulöser dar als der manipulative Capote, wie der Franzose überhaupt seine eigene Position und Betroffenheit klar benennt. Bei der Ersterscheinung wurde Carrère das mitunter angekreidet; Romands Bekehrung stieß bei ihm, der selbst eine religiöse Krise durchgemacht hatte, zumindest auf Gehör, während kritische Beobachter sie als weitere Tartüfferie eines pathologischen Lügners abtaten.

          Emmanuel Carrère: „Der Widersacher“. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Mit einem Gespräch zwischen Emmanuel Carrère und Claudia Hamm. Matthes & Seitz, Berlin 2018. 196 S., geb., 22 Euro.

          Schließlich hatte „Doktor Romand“ seine kleine Welt in Ferney-Voltaire über eine halbe Generation hinweg gründlich an der Nase herumgeführt. Er hat nicht nur seinen Eltern, seiner Ehefrau Florence, seinen Kindern Caroline und Antoine, seiner Geliebten Corinne, seinen Freunden und Bekannten eine brillante internationale Karriere vorgetäuscht, sondern der vierköpfigen Familie einen satten Lebensstil im Speckgürtel der Schweizer Grenze finanziert – mit Geldern, die Nahestehende ihm zur Anlage anvertraut hatten. Was hat den Manipulator angetrieben, der aus der Ursprungstäuschung dauerhaft keinen Profit schlagen konnte, ja davon ausgehen musste, dass er eher früher als später entlarvt werden musste? „Eine Lüge dient normalerweise dazu, eine Wahrheit zu verbergen, etwas vielleicht Beschämendes, aber Wahres. Die seine verbarg nichts.“

          Carrère nähert sich der existentiellen Frage lebenspraktisch: „Was hatte sich während der Tage in seinem Kopf abgespielt, die er weder, wie behauptet, im Büro verbracht hatte noch mit Waffenschmuggel oder Industriespionage, wie man anfangs geglaubt hatte, sondern, wie man inzwischen annahm, damit, im Wald umherzustreunen?“

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