https://www.faz.net/-gr3-9iy85

Emmanuel Carrères „Widersacher“ : Mensch oder Monster?

  • -Aktualisiert am

„Der Widersacher“ steigt nach der Tat ein und berichtet sie aus der Perspektive der engsten Freunde Romands: Deren enttäuschtes Vertrauen setzt die Monstrosität des Geschehens effektvoll in Szene. Dann berichtet Carrère von seiner Kontaktaufnahme mit Romand, um schließlich das Leben des späteren Mörders zu erzählen: die Kindheit in einer Försterfamilie in Clairvaux-les-Lacs (Jura) – „sie arbeiten hart, sind gottesfürchtig und absolut verlässlich“ –, eine einsame Jugend im Internat, das Medizinstudium, das er trotz erster Erfolge vom Ende des zweiten Jahres an ohne Prüfungen und Praktika weiterführt. Seine Frau – „sie war auf eine natürliche Art katholisch“ – und später seine Geliebte verfolgt und langweilt Romand mehr, als dass er sie verführt. Seine Doppelexistenz geht so lange gut, bis das Geld knapp wird und Corinne ihre Anlage zurückfordert.

Verblendung, Not und Feigheit

Kurz: Im Grunde gibt es wenig über Romand zu erzählen, wenn es nicht das große Ganze eines Lebens in völliger Lüge ist. Zwar kann Carrère auch dem blassen Alltag eines blassen Menschen – und sei dieser ein Mörder in spe – viel abgewinnen; das liegt an seinem eingängigen Stil, dessen leichte und ruhige Melodie in mancher Hinsicht an Patrick Modiano erinnert und der, siehe „Limonow“ (2011), selbst über längere Strecken trägt. Zudem bringt die Konzentration auf die letzte Phase, als die Krise naht, dramatische Spannung in die Erzählung. Freilich bleibt die große Frage: Wie ist dieses Leben letzten Endes einzuordnen, ja zu bewerten? Die Entwicklung des Autors ist offenbar: Anfangs nähert Carrère sich Romand als Opfer, als „unseliges Spielzeug dämonischer Kräfte“. Die ehemaligen Freunde Romands teilen dessen christliche Perspektive, sehen ihn aber als aktiven Teil im „Triumph der Lüge und des Bösen“ – daher der Titel „Der Widersacher“. Auch später ist Carrère für die religiöse Sicht zugänglich, als Gefängnispfarrer und -betreuerin dem mittlerweile Verurteilten die Bekehrung zum Christentum abnehmen; psychiatrische Experten sehen das anders. Am Ende von Carrères Beschäftigung mit dem Fall steht jedoch totale Desillusionierung: „Als ich nach Paris zurückfuhr, um mich an die Arbeit zu machen, konnte ich in seiner jahrelangen Hochstapelei kein Mysterium mehr erkennen, sondern nur noch eine armselige Mischung aus Verblendung, Not und Feigheit.“

Was der Geschichte erhalten bleibt, ist das Potential, etwas über den Menschen als soziales Wesen zu sagen. Carrère im Gespräch: „Diese Geschichte wurzelt nicht nur in der Lüge, sondern in etwas, das der Ursprung der Lüge ist, nämlich der Kluft zwischen der sozialen Rolle, die man spielt, der Persona, der öffentlichen ,Maske‘, und dem Ich, das mit sich allein nachts auf dem Klo sitzt.“

Diese soziologisch-anthropologische These hebt sich deutlich von der früheren religiösen Faszination ab. Sie erscheint als die eigentliche Quintessenz von „Der Widersacher“, der im Rückblick als Wendepunkt in Carrères Werk erscheint: als der Moment, in dem sich der Schriftsteller erfolgreich in den Grenzbereich zwischen Fiktion und Fakten begeben hat, ein Gebiet, in dem sich ein wichtiger Anteil des literarischen Schaffens heute abspielt, nicht nur in Frankreich.

Emmanuel Carrère: „Der Widersacher“. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Mit einem Gespräch zwischen Emmanuel Carrère und Claudia Hamm. Matthes & Seitz, Berlin 2018. 196 S., geb., 22,– .

Weitere Themen

Im Reich zwischen Leben und Tod

Jugendliteratur : Im Reich zwischen Leben und Tod

„Harry Potter“, „Tintentod“, Marishas Pessls „Niemalswelt“ und viele andere: Aktuelle Kinder- und Jugendbücher spielen verblüffend häufig in einem Reich zwischen Leben und Tod. Warum sind solche Bücher so beliebt?

Topmeldungen

Bundesumweltministerin Svenja Schulze

Klimaschutzpaket : Umweltministerin Schulze will das Fliegen teurer machen

Schulze pocht auf ein höhere Luftverkehrsabgabe: Es könne nicht sein, dass auf bestimmten Strecken Fliegen weniger koste als Bahnfahren. Grünen-Chef Hofreiter warnt, es werde nicht reichen, der „CO2-Vergiftung“ nur ein Preisschild anzuhängen.

Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.