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Roman „Ellbogen“ : Ihr zügelloser Hass

Was soll aus einem Mädchen wie Hazal werden – und wird Istanbul retten, was Neukölln kaputtgemacht hat? Bild: AFP

Drei türkische Mädchen, große Wut und eine Nacht mit schrecklichem Ausgang: Fatma Aydemirs Roman „Ellbogen“ hat einen starken Erzählkern. Aber genügt das?

          Was soll man mit einem Buch tun, dessen Vorwort einen erst mal mit der Überschrift „Diese Stimme hat gefehlt!“ gesellschaftlich einnordet und fordert: „Von den Migranten dagegen will man Leben, will man Straße und, ja, will man auch Gewalt“? Am besten, man ignoriert das Vorwort und alle damit einhergehenden Relevanzerpressungsversuche und beginnt zu lesen, denn kein Autor hat es verdient, auf seine Herkunft und auf Milieuschilderungen reduziert zu werden, die dem Publikum ins Schema passen.

          Zunächst beginnt der Roman aber genau so, nämlich mit Milieuschilderungen, und die Straße und die Gewalt folgen sogleich. Wir erfahren, dass die Protagonistin Hazal die Tochter eines Taxifahrers ist und einer Mutter, die sich mit türkischen Schmachtserien über ihre leeren Abende hinwegtröstet. Der Bruder gerät in kleinkriminelle Schieflage, und Hazal serviert allen artig den Tee, wenn sie nicht gerade mit ihrem Facebookfreund Mehmet aus Istanbul skypt. In einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme lernt sie, Bewerbungen zu schreiben, die wenigstens halbwegs motiviert klingen, erfolgreich sind sie jedoch nie. Der letzte Ausweg aus der Arbeitslosigkeit ist die Bäckerei des Onkels. Nur Tante Semra, die studierte Sozialpädagogin, konnte dem Muff der Neuköllner Familienbande entfliehen, dafür ist sie, zum Leidwesen der älteren Familienmitglieder, mit Anfang dreißig noch unverheiratet und auch sonst fürchterlich emanzipiert.

          Wut, die nicht in sie hineinpasst

          Dieses enge kleine Leben skizziert die Autorin Fatma Aydemir in wenigen Bildern, in denen kaum Raum für differenzierte Betrachtungen bleibt. Gerne hätte man Hazals Vater kennengelernt, aber man trifft dann doch nur auf den Platzhalter eines eher unsympathischen türkischen Taxifahrers, der gerne ins Café geht und sich dort mit anderen türkischen Männern trifft – wie Tausende andere auch.

          Autorin Fatma Aydemir beim Debütpreis der LitCologne.

          Dann spitzt sich die Handlung doch noch zu: Ihren achtzehnten Geburtstag will Hazal mit ihren Freundinnen Elma und Gül im Berghain feiern, die Mädchen scheitern aber an der Tür. Das ist eine Enttäuschung zu viel für die drei, die ohnehin schon überall anecken. „Es ist so da und es ist so heftig, dass man es fast anfassen kann. Wut. Meine ist so groß, dass sie nicht in mich hineinpasst“, beschreibt Hazal den entscheidenden Moment. Diese große Wut reagieren die drei an einem betrunkenen jutebebeutelten Klischeestudenten ab, der ihnen gerade querkommt. Es hätte auch jeden anderen treffen können. Damit endet der erste Teil des Romans, und der zweite beginnt mit einem anderen Tempo und einem anderen Ton.

          Hazal, die frischgebackene Totschlägerin, flieht nach Istanbul zu Mehmet. Sie schämt sich für ihr schlechtes Türkisch und muss feststellen, mit einem Kurden und einem Junkie unter einem Dach zu wohnen. Doch die beiden sind ihr immer noch lieber als Gözde, die schöne Studentin mit der Hippiekleidung und der Katalogwohnung. Gözde ist viel zu aufgeräumt, und alles, was aufgeräumt ist, überfordert Hazal derart, dass sie sofort beginnt, ziel- und zügellos zu hassen. „Was kann in dieser Welt“, fragt der Klappentext, „aus einem Mädchen wie Hazal schon werden?“ Das fragt man sich auch: Was kann aus einem Menschen werden, der anderen Menschen ihre Menschlichkeit abspricht? Der Respekt einfordert, aber gleichzeitig seine Zeitgenossen nach Losern, Studenten und Kartoffeln sortiert? Die Autorin legt nicht besonders großen Wert darauf, dass uns diese Hazal im Laufe des Buches sympathisch wird, und so entgleitet sie dem Leser, wie sie auch ihrer Tante Semra entgleitet, die sich bis zuletzt Mühe gibt, das Mädchen auf eine halbwegs gerade Bahn zurückzuführen.

          Fatma Aydemir: „Ellbogen“. Roman. Hanser Verlag, München 2017. 273 S., geb., 20 €.

          Das ist erzählerisch völlig legitim, doch dieser Roman hat ein Strukturproblem: An ihm ist eine wirklich gute Erzählung verlorengegangen. Sie umfasst die Kapitel fünf und sechs und handelt von drei Mädchen, einer Nacht und großer Enttäuschung, die sich als Wutausbruch entlädt. Leider wird diese dichte, kraftvolle Erzählung ins literarische Einheitsformat Roman übersetzt, weshalb viele Seiten Handlung, Meinung und Gegenwartsbezug angeklebt werden müssen, vieles dabei aber dennoch nicht ausgeführt wird – die Andeutungen über Hazals kurdische Herkunft etwa. Das ist schade, denn da kann eine Autorin schreiben, und sie hat auch etwas zu erzählen. Davon würde man gern mehr lesen.

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