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Elizabeth Stoddard: Die Morgesons : Ich war ganz Taille, meine Hände waren rot

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Bild: Verlag

Da erzittert das religiös zementierte Gefüge der neuenglischen Gesellschaft: Elizabeth Stoddards unzeitgemäßer Bildungsroman „The Morgesons“ von 1862 ist endlich übersetzt.

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          In zwei feministischen Klassikern der amerikanischen Literatur lässt sich nachlesen, welche Energien um 1900 noch mobilisiert werden mussten, um weibliche Befreiungsphantasien zu inszenieren: Während die Protagonistin in Charlotte Perkins Gilmans Erzählung „Die gelbe Tapete“ (1892) nur im Wahnsinn über ihren Arzt und Ehemann triumphieren kann, eröffnet sich der einzige Ausweg für die ehebrechende Heldin in Kate Chopins „Das Erwachen“ (1899) in die Fluten des Golfs von Mexiko. Nicht zuletzt weil auch die Forschung sich immer noch gern an vielgedeuteten Schlüsseltexten abarbeitet, blieb mit Elizabeth Stoddards schon 1862 veröffentlichtem Roman „The Morgesons“ ein Werk bis heute nahezu unbekannt, mit dem eine amerikanische Autorin schon dreißig Jahre vor Gilman und Chopin eine verblüffend nüchterne Erkundung weiblicher Autonomie unter den Bedingungen der puritanischen Gesellschaft Neuenglands um 1860 unternommen hat.

          Elizabeth Stoddard wurde 1823 in einem ehemaligen Walfanghafen an der amerikanischen Ostküste geboren. Sie schrieb Romane, Kurzgeschichten und scharfzüngige Kolumnen, deren souveräner Ton ihren zeitgenössischen Lesern und schreibenden Konkurrenten fremd blieb. Durch die verdienstvolle Übersetzung von Susanne Opfermann und Helmbrecht Breinig haben deutsche Leser nun die Gelegenheit, Stoddards unzeitgemäßen Bildungsroman kennenzulernen.

          Ein Tableau exzentrischer Frauenfiguren

          Im Mittelpunkt des Romans steht Cassandra, die als verheiratete Frau auf ihr Leben zurückblickt. Der Mikrokosmos der durch maritime Geschäfte zu vorübergehendem Wohlstand gelangenden Morgesons ist auf symbolträchtigem Terrain angesiedelt: Ihr Haus liegt zwischen der „Gleichförmigkeit“ des Landes und der „betörenden“ Schönheit der See. An diesem Übergangsort entwickelt sich die Geschichte einer Heldin, die früh Grenzen sucht und überschreitet. Schon mit zehn Jahren erscheint sie ihrer Tante „besessen“; ihr Großvater empfiehlt, ihr „ungebärdiges“ Wesen zu „bändigen“ und „abzurichten“. Cassandra liest leidenschaftlich, verweigert sich aber der religiösen Erbauung; sie lernt segeln und reiten und isst für eine viktorianische Protagonistin bemerkenswert heißhungrig. Sie verwickelt ihre Eltern in Gespräche über puritanisches Eiferertum und konfrontiert ihre Mutter mit achtzehn Jahren mit der keinesfalls platonischen Liebe zu ihrem verheirateten Cousin, dessen Witwe nach seinem Unfalltod und dem Tod von Cassandras Mutter schließlich ihren Vater ehelicht.

          In diesem protofreudianischen Familienroman überlässt Stoddard ihre rebellische Heldin keineswegs einer auf schauderndes Mitfühlen spekulierenden Isolation. Cassandra agiert vielmehr in einem Tableau wortgewandter und exzentrischer Frauenfiguren, die ihre Unterdrückung beim Namen nennen, sich intellektuell und ökonomisch emanzipieren und darüber nicht zu erotisch benachteiligten Blaustrümpfen werden: Die jüngere Schwester Veronica eliminiert alle femininen Elemente aus der Einrichtung ihres Zimmers, legt dort einen tropischen Garten an und bleibt am Ende mit dem behinderten Kind aus ihrer Ehe mit einem liebenswerten Alkoholiker zurück.

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