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: Elf Personen suchen keinen Autor

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Amnesie ist die Erbkrankheit aller erfundenen Charaktere. Wer bin ich? Wo komme ich her? Was zum Teufel mache ich hier? Für Romanfiguren stellen sich die vermeintlichen Grundfragen der Existenz, über die Philosophiestudenten gerne am Lagerfeuer grübeln, mit anderer Dringlichkeit. Sie werden ja tatsächlich ohne jede Vorbereitung auf der ersten Buchseite ausgesetzt.

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          Amnesie ist die Erbkrankheit aller erfundenen Charaktere. Wer bin ich? Wo komme ich her? Was zum Teufel mache ich hier? Für Romanfiguren stellen sich die vermeintlichen Grundfragen der Existenz, über die Philosophiestudenten gerne am Lagerfeuer grübeln, mit anderer Dringlichkeit. Sie werden ja tatsächlich ohne jede Vorbereitung auf der ersten Buchseite ausgesetzt. Und wenn ihr Schöpfer ihnen den Sinn und Zweck ihres Daseins vorenthält, dann erfahren sie ihn auch bis zur letzten Seite nicht.

          Um diese mißliche Lage aufzulösen, hat sich unter Schriftstellern die Konvention eingebürgert, ihre Figuren mit einem prallgefüllten Gedächtnis auszustatten. Denn so bemerken die possierlichen Gesellen nicht, daß sie aus dem Nichts kommen und genaugenommen auch nichts über sich wissen. Allerdings gibt es seit den Anfängen der literarischen Moderne immer wieder Autoren, die mit dieser Gepflogenheit brechen und Wesen ohne Erinnerung und Orientierung in ihren Büchern aussetzen. Wie in einem Tierversuch sollte so die wahre Beschaffenheit der Fiktion zum Vorschein kommen.

          Für die elf Figuren in Daniele Benatis Roman "Amerika gibt es nicht", jetzt im jungen Kölner Verlag "Tisch 7" erschienen, gehört ein zugespitztes Gefühl von Verlorenheit zur Grundbefindlichkeit. "Was mache ich eigentlich hier?" fragt jemand gegen Anfang. "Wo bin ich?" heißt es in der Mitte. "Wo war ich denn stehengeblieben?" forscht die Erzählstimme am Ende. Als Übersetzer von James Joyce und Flann O'Brien ist der 1953 geborene Italiener, der an verschiedenen amerikanischen Universitäten lehrte, mit den Laborbedingungen der experimentellen Literatur bestens vertraut.

          Die Deplaziertheit von Benatis Helden, die oft nicht einmal den eigenen Namen kennen und auch über ihren Beruf meist nur rätseln können, versteht sich im Wortsinn. Denn alle elf Charaktere - jedem ist ein Kapitel gewidmet - sind ohne ersichtlichen Grund aus der italienischen Heimat in ein seltsames Amerika versetzt worden, das wie eine schwere Halluzination wirkt. Alle Figuren wohnen in einem Komplex namens Mystic Avenue 3847 - einem labyrinthischen Unort, in dem sich ein Hotel, die Toiletten eines Schnellrestaurants und das Audimax einer Universität verknoten. Fluchtwege gibt es nicht, denn alle Seitenstraßen sind durch Baustellen versperrt. Womöglich ein Getto für unerlöste Romanfiguren, die zu Demonstrationszwecken in einem einzigen Buch zusammengepfercht werden?

          Am Anfang zieht "Amerika gibt es nicht" das Register des Kafkaesken eine Spur zu penetrant und gibt dem Leser durch zahlreiche Dante-Verweise das mulmige Gefühl, er müsse sich auf ein binnenliterarisches Spiegelkabinett im Stile von Italo Calvinos Lehrstück "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" einstellen. Doch Benatis vielstimmiger (weniger wohlmeinend könnte man auch sagen: verworrener) Roman ist zum Glück mehr als eine schulmäßige Fabel über die Fabel. Von Kapitel zu Kapitel zeigt sich klarer, daß Benati - in Deutschland bislang nur in der 1997 bei Wagenbach herausgekommenen Anthologie "Italia fantastica!" erschienen - ein hochtalentierter Erzähler ist, der in den bizarren Kulissen verblüffende und in ihrem Hang zum Lächerlichen oft auch tieftraurige Porträts ansiedelt.

          Benatis elf Personen suchen keinen Autor. Sie suchen lediglich nach Zusammenhängen in einer Welt, die sich ihnen trotz aller Denkanstrengung entzieht. Sie verfassen ominöse Traktate, schreiben an Dramen und korrespondieren mit Verlegern - aber wie in einem zähen Albtraum will nichts gelingen, stellt sich alles am Ende als Verwechslung oder Betrug heraus. Die Helden holen den Informationsvorsprung ihrer Umwelt niemals auf. Während sie selbst an ihren verfremdeten "Kastratenstimmen" leiden, werden sie von Phantomstimmen heimgesucht - wie überhaupt das fieberhafte Amerika des Romans allmählich von einem mythischen Mittelmeer samt Sirenengesängen und Höllenhunden überflutet wird.

          "Amerika gibt es nicht" ist ein psychedelischer Roman, der nichts Rauschhaftes an sich hat. Häuser und Straßen ändern ihre Plätze "wie bei der Theorie von der Tektonik der Erdplatten oder der Kontinentalverschiebung". Erinnerte Erlebnisse sind nur eingebildet, bekannte Gesichter plötzlich wildfremd. Existenzen werden gegen Eindringlinge verteidigt wie Potemkinsche Dörfer - und fallen unter den Augen des Lesers in sich zusammen wie im Fall jenes trunksüchtigen Theaterschreibers, dessen erfolgreiche Schauspielerfreundin so lange nicht in der gemeinsamen Wohnung aufkreuzt, bis diese sich als trostlose Brutstätte einsamer Gedanken entpuppt. Wie überhaupt all die kleinen Göttinnen, die in Gestalt von Zimmermädchen oder Nachbarinnen die erotischen Tagträume der Helden bevölkern, am Ende meist als Bestandteile unzuverlässiger Illusionsmaschinen erscheinen.

          Auf die Frage nach dem Warum des chaotischen Daseins in Mystic Avenue 3847, die sich der Leser manchmal auch zusammen mit den Figuren stellt, bietet der Roman nur widersprüchliche Scheinantworten an. Mal sind es Deportationsprogramme der italienischen Regierung, mal berufliche Versetzungen, mal Verschickungen durch das "Institut für Kultur Kunst Literatur Philosophie Undsoweiter". Ein wirklicher Migrantenroman ist es jedenfalls nicht geworden, obwohl Ansätze zu einer Psychographie der Ausgewanderten vorhanden sind. Letztlich gibt es nur eine Rechtfertigung für die offenbar mit einer Gehirnwäsche verbundene Umsiedlungsaktion - nämlich das Erzählen. "Manchmal ist es schöner als das Leben, weil einer da sitzt und was erzählt, und im Notfall kann er erfinden, was er will." Dieser Satz gilt nicht immer, auch nicht in Daniele Benatis Roman, der die literarische Selbstreflexion zum Teil übertreibt. Aber ohne Frage gibt es diese mystischen Momente, und sie machen das mitunter Quälerische an Benatis poetischem Menschenexperiment verschmerzbar.

          ANDREAS ROSENFELDER.

          Daniele Benati: "Amerika gibt es nicht". Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Marianne Schneider. Tisch 7 Verlag, Köln 2005. 292 S., geb., 22,- [Euro].

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