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: Elf Autoren sollt ihr sein

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Am Ende behält Georg Klein recht. "Mußt hingehen", lautet der muffige Rat des Schriftstellers. "Weiß Gott, zu Fußball mußt du hingehen. Wegen dem Gras allein schon mußt du hingehen." Das magische Grün des Rasens nämlich verschwindet selbst bei der besten Fernsehübertragung. Und leider strahlt es nicht ...

          Am Ende behält Georg Klein recht. "Mußt hingehen", lautet der muffige Rat des Schriftstellers. "Weiß Gott, zu Fußball mußt du hingehen. Wegen dem Gras allein schon mußt du hingehen." Das magische Grün des Rasens nämlich verschwindet selbst bei der besten Fernsehübertragung. Und leider strahlt es nicht immer aus den literarischen Übungen, welche das Spielfeld im Vorfeld der WM 2006 als Unterlage verwenden. Das gilt, trotz aller Ambitionen und alles technischen Könnens, auch für den vom Berliner Journalisten Jan Brandt herausgegebenen Geschichtenband "Doppelpaß".

          Dabei ist Brandts Mannschaftsaufstellung durchaus erstklassig. Georg Klein, Thomas Brussig, Jochen Schimmang oder Gerhard Henschel sind nur die bekanntesten der zweiundzwanzig Schriftsteller aus Ost und West, die Brandt für das Projekt gewinnen konnte. Trotzdem wirkt der in avantgardistischem Design aufgemachte und aus beiden Richtungen lesbare Band nicht selten wie eine Sammlung braver Besinnungsaufsätze. Und das liegt wohl hauptsächlich daran, daß die Autoren über eine Partie schreiben sollten, die sie oft nicht erlebt haben und die ihnen letztlich auch nicht spürbar viel bedeutet.

          Brandt versucht die Niederlage der Bundesrepublik gegen die DDR in der Vorrunde der WM 1974 als gesamtdeutschen Gedächtnisort auszuwerten. Im Vorwort wird die für den weiteren Turnierverlauf unwichtige Partie - schließlich trug das westdeutsche Team den Titel davon - mit moralischen Werten überkodiert. Brandt spricht vom "Hochmut und Fall westdeutschen Größenwahns" sowie vom "Sieg ostdeutschen Teamgeistes". Zudem verankert er die Spielpaarung gleich neben Cerankochfeldern und Birkenstocks, RAF und Weltwirtschaftskrise in der Erinnerungslandschaft der siebziger Jahre.

          Doch nicht nur Georg Kleins wortgewaltige Weigerung, diesen Paß anzunehmen und über "Krampf und Mittelfeldgeknüppel" des unschönen "Sparsiegs" durch das Tor Jürgen Sparwassers nachzudenken, legt den Eindruck nahe, daß die Fußballbegegnung die unterstellte Bedeutung fürs kollektive Gedächtnis nicht unbedingt besitzt. Vor allem das westdeutsche Autorenteam quält sich regelrecht dabei, der Vorgabe gerecht zu werden und die Ost-West-Problematik unmotiviert auf dem Fußballfeld auszutragen. So muß in Jan Böttchers lustiger Erzählung über einen westlichen Schiedsrichter, der sich in der Bezirksliga mit Löschkalk bestechen läßt, ein rachsüchtiger Ostler den Part des Entlarvers übernehmen. Und selbst bei Georg M. Oswald dient das Spiel von 1974 nur dazu, auf erwartbare Weise den Chauvinismus einer westdeutschen Nachkriegsfamilie vor dem Fernseher vorzuführen.

          Ansonsten werden besonders bei der jüngeren West-Fraktion viele Nutella-Brote geschmiert, Spezis getrunken und MickyMaus-Heftchen durchgeblättert. Doch auch Jochen Schimmangs getürktes Radiointerview mit einem bei dem Derby im Hamburger Volksparkstadion eingesetzten Sicherheitsbeamten mutet konstruiert an. "Was mich heute überrascht", läßt er den westdeutschen Geheimdienstler sagen, "ist die Tatsache, daß ich kaum noch weiß, wie die Stadt und die Menschen damals aussahen." Der kluge Satz legt das ganze Dilemma offen: Das historische Spielfeld ist nichts als eine leere Projektionsfläche.

          Auch auf der Ost-Seite, wo das "Sparwasser-Tor" von 1974 tatsächlich Kultstatus erlangte, wird das allzu einladende Thema eher gekonnt umdribbelt. Der 1926 geborene Veteran Erich Loest schreibt instinktsicher eine solide, spannende Kriminalgeschichte. Frank Willmann schildert anstelle der ostwestlichen Paarung, die er wie die meisten Autoren nur im zarten Kindesalter erlebte, eindrucksvoll eine Fanreise zum Berliner FDGB-Pokalfinale zwischen Carl Zeiss Jena und Rot-Weiß Erfurt von 1980. Falko Hennig läßt seinem Haß auf den Fußballsport freien Lauf ("Sport ist Scheiße, das merkt man ja schon an den Interviews mit den Aktiven"), und Tom Schulz liefert in einer komplexen, fast döblinesken Montage auch Fragmente des DDR-Fußballwörterbuchs - vom "Ausputzer" bis zum "Sterbenden Schwan", einer aus dem Ballett der Tänzerin Anna Pawlowa übernommenen Metapher.

          Glanzlichter entstehen dort, wo der Zwang, ein symbolträchtiges Spiel als Motiv unterzubringen, für die literarische Erzeugung von Gegenwart aufgegeben wird: etwa in der intensiven Erzählung des 1978 geborenen Lyrikers Steffen Popp, die mit einem betrunkenen Kick im nächtlichen Stadion von Dynamo Dresden endet. Thomas Brussigs Rollenprosa eines ausgemusterten DDR-Fußballtrainers mündet hingegen, ganz vorhersehbar, in eine plumpe Allegorie: "Soll ich Ihnen sagen, wie Sie sich fühlen, wenn Sie keine Arbeit mehr haben? Sie fühlen sich wie n Ball, aus dem die Luft raus ist." Aber dieses Schicksal droht dem Ball nun einmal, wenn er den Literaten für ihre Fingerübungen in die Hände fällt.

          ANDREAS ROSENFELDER

          "Doppelpaß". Geschichten aus dem geteilten Fußballdeutschland. Herausgegeben von Jan Brandt. kookbooks, Idstein 2004. 272 S., br., 17,90 [Euro].

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