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Autorin Elena Ferrante : Im Rione herrscht das Gesetz der Straße

Sie studierte an einer Eliteuniversität in Pisa, wurde eine respektable Schriftstellerin und lebt heute im wohlhabenden Norden Italiens, in Turin. Ihre Kindheitsfreundin dagegen musste, obwohl die Begabtere der beiden, die Schule abbrechen und sich in der Schusterwerkstatt des Vaters verdingen. Mit Neapel hat Elena abgeschlossen: „Ich sehne mich nicht nach unserer Kindheit zurück, sie war voller Gewalt.“ Doch meint sie zu wissen, was passiert ist. Ihre Freundin hat das in die Tat umgesetzt, wovon sie seit Jahrzehnten träumte: spurlos zu verschwinden. Weder durch Selbstmord noch durch Flucht. „Sie wollte sich in Luft auflösen, wollte, dass sich jede ihrer Zellen verflüchtigte, nichts von ihr sollte mehr zu finden sein.“

Die wahre Protagonistin

Als Elena erfährt, dass Lila auch ihr gesamtes Haus leergeräumt hat, ohne ein persönliches Stück zu hinterlassen, keimt die alte Rivalität wieder auf. Die Mädchen waren seit Kindertagen engste Freundinnen, verbunden aber auch durch Konkurrenz. Weil Lila aus Elenas Sicht nun auch diese Sache maßlos übertreibt, setzt sich die Schriftstellerin schließlich doch an den Computer, um ihre Geschichte aufschreiben. Sie will sehen, wer dieses Mal das letzte Wort behält.

Die folgenden vierhundert Seiten leben von der Kunstfertigkeit der Autorin, den Rione, das Viertel, in dem die Mädchen aufgewachsen sind, sinnlich erfahrbar zu machen. Nicht nur seine Bewohner – die Familien der verrückten Witwe, des dichtenden Eisenbahners oder des bösen Unholds Don Achille – werden in diesem breitwandigen Epos detailliert porträtiert. Es ist die alte Stadt selbst mit ihrem violetten Licht der Höfe, den Ausdünstungen der Fetiendi, den schmutzigen Häusern, dreckigen Straßen und dem Geruch der Armut auf den Treppenabsätzen, die zur wahren Protagonistin des Romans wird.

Dieser eine biographische Fehler

In diesem randständigen Teil der Welt kann man zu dieser Zeit noch an Krupp sterben, an einer vereiterten Wunde, vor allem aber durch eine Kugel. Denn in den Straßen des Rione herrscht das Gesetz der Camorra, und wer die Gesetze der Familienclans missachtet, wird gnadenlos bestraft. In dieser archaischen, von Männern dominierten Welt wird die Schule für Elena und Lila zum Ort des Aufatmens, an dem allein sie sich sicher fühlen. Weil aber für die höhere Schule den meisten Familien das Geld fehlt, müssen anders als Elena, die sich trotzdem zuhause durchsetzen konnte, viele Kinder die Schule vorzeitig verlassen. Dass auch die begabte Lila, statt mit Elena Griechisch zu büffeln, in der Schusterwerkstatt Sohlen nageln und sich vom Bruder demütigen lassen muss, wirkt auf Elena traumatisch.

Denn Lila besitzt die Gabe, die Realität gleichsam zu verstärken und mit Spannung aufzuladen. Das, was Elena alleine tut, kann sie nicht begeistern, nur was Lila antippt, ist wichtig. Wenn Lila sich entfernte, „wurden die Dinge fleckig, staubig“. Elena ist in dieser Konstellation die ewige Zweite, die aber zur heimlichen Doppelgängerin werden muss, um das Leben zu führen, das der Freundin verwehrt bleibt. Zwar versucht auch Lila, sich auf anderen Wegen zu behaupten, indem sie dem Vater vorschlägt, statt Schuhe zu reparieren, selbst welche herzustellen. Doch spätestens als sie die Flucht in die Ehe antritt, mit gerade vierzehn Jahren, begeht sie den biographischen Fehler, von dem sie sich kaum mehr erholen wird.

Wie geht es weiter?

Bildstark schildert Ferrante die ausufernde Hochzeit, Höhepunkt des Jahres im Rione und zugleich Schlusspunkt der Kindheit und Jugend ihrer Heldinnen, die metaphorisch das Pendant zu einer Puppenszene am Anfang des Textes darstellt. Gekonnt lässt Ferrante da alle Fäden der Handlung zusammenlaufen, Frauen und Männer, Mütter und Kinder, Schuhe und Camorra werden miteinander zu einem spannungsgeladenen Cliffhanger verknüpft. Es ist deshalb müßig, „Meine geniale Freundin“ mit Ikonen der Weltliteratur zu vergleichen. Damit belastet man das Werk mit einer überflüssigen literaturhistorischen Hypothek.

Elena Ferrante beherrscht eine elegante, schwerelose Sprache, dramaturgisch hat sie ihren Stoff jederzeit im Griff. Das ist sehr gut gemacht, bisweilen grandios – genau wie die Übersetzung durch Karin Krieger. Man möchte wissen, wie es weitergeht. Wie aus dieser symbiotischen Beziehung ein Zugriff auf die ganze Welt wird.

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