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einzlkind: Harold : Ein Antidepressivum namens Melvin Literatur

  • -Aktualisiert am

Bild: Klaus Bittermann

Totlachen ist einfach, doch hier gelingt das Gegenteil: Ein anonymer Autor aus London hat den Sommerhit des Jahres geschrieben.

          Einäugig sei die deutsche Literatur, hat Erich Kästner einmal gesagt: „Das lachende Auge fehlt.“ Löblich die Ausnahmen à la „Simplizissimus“ oder „Felix Krull“, die in der großen Tradition des „Goldenen Esel“ von Apuleius bis zum „Don Quijote“ stehen. Dabei haben lustige Romane einen gewaltigen Vorteil, denn selbst wenn sie strukturell schwächeln, bleibt immer noch der Witz: so im Falle des nun auf uns niedergesausten Romans „Harold“. Der Sprachwitz dieses Buches, das muss man zugeben, ist erstklassig, ein Wunder der Komik, auch wenn die Handlungsführung dem Niveau früher Didi-Hallervorden-Filme entspricht.

          Der Autor schreibt unter dem Pseudonym „einzlkind“, lebt in London und hat sich „neulich“, mehr ist über ihn nicht zu erfahren, „eine neue Kaffeemaschine gekauft. Seine alte war kaputt.“ Um eine Übersetzung handelt es sich offenbar nicht, sofern man den Angaben des Verlags glauben darf, auch wenn der schwarze britische Humor dafür spräche. Auch soll das Manuskript ohne Absprache eingesendet worden sein, eigentlich der sicherste Weg in den Papierkorb. Zum Glück fand es trotzdem seinen Weg, zum ersten Mal in der dreißigjährigen Verlagsgeschichte, wie der Verleger mitteilt: und zu Recht!

          Einmal im Monat Suizid begehen

          Worum geht es? Harold ist ein typischer, also missmutiger Engländer, der seine Erfüllung darin findet, dem gleichnamigen Filmvorbild nachzueifern und einmal im Monat Suizid zu begehen. Am liebsten erhängt er sich im Hausflur. Er rechnet als geborener Verlierer gar nicht mit einem Erfolg dieser Aktionen, sondern begnügt sich damit, deren Eleganz zu perfektionieren. In sein behaglich depressives Leben kracht plötzlich ein Außerirdischer namens Melvin: ein neunmalkluger, elfjähriger „Savant“, der 1238 Bücher im Gedächtnis gespeichert hat und alle Beethoven-Sonaten auswendig kennt, eine Art Miniausgabe von Roger Willemsen. Natürlich hat Melvin die üblichen Schwerstbegabtenprobleme: „Ich habe 4,5 Dioptrien plus auf dem linken und 5,5 auf dem rechten Auge. Meine Hobbys sind mir nicht bekannt.“ Eine Woche lang soll Harold auf Bitten seiner Nachbarin als Babysitter fungieren, und auf der Stelle gerät seine minimalistische Existenz aus den Fugen.

          Nachdem der altkluge Knirps unserem Helden herbe Verluste beim Pferderennen („Sie werden sich von dem Gewinn Ferraris und Frauen kaufen können, in allen Farben“), ernste Probleme in einem Unterschichten-Pub („Ich möchte wissen, wie der Pöbel feiert“) und ein nachhaltiges Delirium durch Drogenexperimente („Sie glauben nicht, wie teuer dieses Lysergsäurediäthylamid ist ... Ich habe übrigens Ihnen und mir jeweils ein Stück Löschpapier in den Kakao getan“) zugefügt hat, kommt Melvin auf die Idee, seinen verschollenen Vater zu suchen. In ganz Großbritannien gibt es nur fünf in Frage kommende Jeremiah Newsoms, darunter Tunten, Schwerverbrecher und ganz normale Verrückte wie du und ich: Der Reihe nach wollen diese nun aufgesucht werden.

          Situationskomik und Pointenstakkato

          Das alles ist, wie gesagt, herzlich egal, denn das Buch lebt in erster Linie von Situationskomik und Pointenstakkato. So lautet Melvins Antwort auf die Frage einer weiteren Nachbarin, Mrs. Cardigan, was er von einem Ausflug in den Zoo halte: „Sie meinen, ob ich einen rosa Paviananus auf einem grauen Steinhügel hin und her wackeln sehen möchte? Sie wollen, dass ich mit dem braunen Bär am Stiel vor dem Löwenkäfig stehe und winke, winke mache, derweil ich den letzten Rest von Würde in diesen anmutigen Augen schimmern sehe? Glauben Sie an die Propaganda von artgerechter Tierhaltung? Wann wurden Sie geboren?“ Ganz richtig interpretiert die Fragende diesen Sermon als Verneinung, woraufhin ihr wiederum der Autor zur Seite springt: „Mrs Cardigan ist im Umgang mit elfjährigen Jungen noch unerfahren und weiß nicht, was ihnen gefällt. Sie ist zeit ihres Lebens kinderlos geblieben, ein Gebärmutterdefekt, nach der siebten Fehlgeburt.“

          So geht es Schlag auf Schlag, in Sätzen ohne zündende Pointe steckt wenigstens eine rhetorische Schmunzelfigur: „Auch der Hinweis auf den Bogen, der überspannt sein soll, stellt Harold vor ein Rätsel. Zweimal war er in diesem Monat zu spät, das eine Mal ist der 23er ausgefallen, das andere Mal auch.“ Ganz nebenbei bekommt er ihn schließlich, diesen Bogen, kehrt die Buntheit in sein Leben zurück: ein psychologisches Exemplum, und das folgt vielleicht aus gutem Grund der schlichten Märchenstruktur einer fünfmaligen Wiederholung. Auch sind die potentiellen Väter entgegen allen Comedy-Gesetzen glaubhafter gezeichnet als die beiden Protagonisten, es geht stets um Humor, nicht um Klamauk. Der Schluss hält schließlich die größte und beste Enttäuschung der bis dahin aufgebauten Erwartung bereit.

          Gelirbte Holly Golightly

          Von hinten durch die deutsche Doppelseelenbrust ins lachende Auge gelingen dem Autor dabei so erfrischende wie authentische Charakterschilderungen: „Harold verehrt Audrey Hepburn, aber noch mehr liebt er Holly Golightly für die Unendlichkeit ihrer Augen und die Art und Weise, wie sie ein Cocktailglas in ihren zierlichen Händen zu halten versteht.“ Zwischen Audreys und Hollys Augen zu unterscheiden (und auf so richtige Weise!), das vermag nicht jeder. Ein Buch für alle und keinen also, zumal in Krisenzeiten – und in jedem Falle ein Roman für den Strand, ein Sommerbuch. Schließlich geht es darin um Gestrandete und darum, dass das Stranden gar kein Unglück ist, sondern der Anfang vom Ende des Endes. Die Rettung durch das Lachen wird dabei nicht in deutscher Hesse-Schwermut verordnet (man vergleiche nur den Steppenwolf-Befehl: „Sie sollen leben, und Sie sollen das Lachen lernen!“), sondern ganz einfach vorgeführt, sehr undeutsch, sehr leicht.

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