https://www.faz.net/-gr3-r05n

: Einkaufen statt beten

  • Aktualisiert am

London, sein kleiner, offen vor ihm liegender, unmöglich zu verteidigender Ausschnitt wartet auf seine Bombe. Die Rush-hour böte eine passende Gelegenheit." Das ist ganz am Ende des Romans, als Henry Perowne nach eines langen Tages Reise in die Nacht am Schlafzimmerfenster steht und auf den Fitzroy Square schaut.

          6 Min.

          London, sein kleiner, offen vor ihm liegender, unmöglich zu verteidigender Ausschnitt wartet auf seine Bombe. Die Rush-hour böte eine passende Gelegenheit." Das ist ganz am Ende des Romans, als Henry Perowne nach eines langen Tages Reise in die Nacht am Schlafzimmerfenster steht und auf den Fitzroy Square schaut. An gleicher Stelle hat er schon vor gut vierundzwanzig Stunden gestanden, nachdem er mitten in der Nacht wach geworden ist, für ihn etwas sehr Ungewöhnliches. Da war der Blick aufs nächtliche London noch anders gefärbt, begleitet fast von einem Grandiositätsgefühl: "Wie er dasteht - gegen die Kälte so immun wie eine Marmorstatue - und zur Charlotte Street hinüberschaut, auf den perspektivisch verkürzten Wirrwarr der Fassaden, die Baugerüste und Pultdächer, findet Henry, daß Städte ein Erfolg sind, ein organisches Meisterwerk - wie um Korallenriffe drängen sich Millionen um die angehäuften, vielschichtigen Errungenschaften der Jahrhunderte, schlafen, arbeiten, vergnügen sich, einträchtig zumeist, und wollen fast alle, daß es funktioniert."

          Man muß bei dieser Feier der großen Stadt unwillkürlich an eine ähnliche Szene aus einem anderen Roman denken, der exakt achtzig Jahre vor diesem erschienen ist. Da geht Peter Walsh durch London, sieht in der Nähe des Regent's Park ein junges Mädchen in Seidenstrümpfen und mit einem Federhut einem Auto entsteigen und in einem prächtigen Haus verschwinden. Er sieht: "Bewundernswerte Kammerdiener, gelbbraune Chows, eine in schwarz-weißem Rautenmuster ausgelegte Halle, wehende weiße Gardinen. Peter sah es alles durch die geöffnete Haustür und billigte es. Alles in allem doch eine herrliche Leistung in ihrer Art, dieses London; die Season; die Zivilisation." Dem würde übrigens auch seine alte Freundin Mrs. Dalloway zustimmen, bei der er heute abend eingeladen ist.

          London im

          Belagerungszustand

          Die Parallele zu Virginia Woolfs 1925 erschienenem Roman beschränkt sich nicht auf diese stille und zugleich jubelnde Feier der Zivilisation (in die in beiden Fällen der kritische Blick auf sie eingeschlossen ist). Wie in "Mrs. Dalloway" umspannt die erzählte Zeit einen Tag, und wie bei Virginia Woolf gibt es neben den menschlichen Akteuren einen gleichrangigen Protagonisten: die Stadt London.

          Die befindet sich an diesem 15. Februar 2003 gleichsam im Belagerungszustand, denn im Lauf des Tages wird die größte Demonstration stattfinden, die es in dieser Stadt je gegeben hat: wider den bevorstehenden Krieg der Amerikaner gegen den Irak und die Unterstützung dieses Krieges durch die britische Regierung. Henry Perowne ist ein erfolgreicher Neurochirurg, glücklich verheiratet mit einer ebenso erfolgreichen Juristin. Er steht mit seinen achtundvierzig Jahren wahrhaft auf der Sonnenseite des Lebens und ist alles in allem der typische aufgeklärte Metropolentyp, ein Liberaler eben. Es sollte ihm eigentlich leichtfallen, den Protest gegen den geplanten Krieg wenigstens innerlich zu unterstützen, auch wenn er an diesem Samstag wie an jedem anderen gegen seinen amerikanischen Kollegen Jay Strauss Squash spielen wird. Aber vor einiger Zeit hatte er einen Patienten aus dem Irak, Professor für Alte Geschichte, der ihm seine Folter- und Leidensgeschichte erzählt hat. Ohne diese Berichte aus dem Innenleben des Terrors hätte er vielleicht eine weniger ambivalente Einstellung zum bevorstehenden Krieg. Und morgens, nach dem ungewohnt frühen Aufwachen, hat Perowne im übrigen im Dunkeln ein brennendes Flugzeug auf Heathrow zufliegen sehen. Der Vorfall klärt sich im Laufe des Tages auf und ist harmloser Natur, doch anderthalb Jahre nach dem September 2001 werden beim Bewohner einer großen westlichen Metropole bei einem solchen Anblick zwangsläufig schlimme Assoziationen geweckt.

          Weitere Themen

          Frankreich unter Attacke

          Messerangriff in Nizza : Frankreich unter Attacke

          Wieder erschüttert ein islamistischer Anschlag Frankreich. „Wir werden nicht nachgeben“, verspricht Präsident Macron. Doch die Verunsicherung im Land, das durch das Coronavirus ohnehin an seine Grenzen kommt, ist groß.

          Topmeldungen

          Eine Frau mit einer Packung Eier – im Hintergrund das Kapitol in Havanna

          Corona-Krise auf Kuba : Schlimmer als die Pandemie

          In Kuba setzt die Regierung strenge Maßnahmen gegen Corona ein. Noch härter als die Pandemie trifft die Menschen jedoch die Lebensmittelkrise. Das Land schlittert in eine immer schwierigere Situation.
          Der amerikanische Präsident Donald Trump bei einer Wahlveranstaltung

          Donald Trump : „Deutschland will mich abgewählt sehen“

          Das deutsch-amerikanische Verhältnis hat sich unter Donald Trump erheblich verschlechtert. Der amerikanische Präsident ist sich sicher, dass seine Niederlage nicht nur von China und Iran, sondern auch von Deutschland begrüßt werden würde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.