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: Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos

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Als "Flicker" 1991 in den Vereinigten Staaten erschien, wurde Theodore Roszaks Roman mit der unwiderstehlichen Zeile "Sunset Boulevard meets Name of the Rose" beworben. In Frankreich wurde es ein Erfolg, in Deutschland wagte sich trotzdem kein Verlag an das Buch, das deswegen bei uns nur als Geheimtip unter Filmliebhabern kursierte.

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          Als "Flicker" 1991 in den Vereinigten Staaten erschien, wurde Theodore Roszaks Roman mit der unwiderstehlichen Zeile "Sunset Boulevard meets Name of the Rose" beworben. In Frankreich wurde es ein Erfolg, in Deutschland wagte sich trotzdem kein Verlag an das Buch, das deswegen bei uns nur als Geheimtip unter Filmliebhabern kursierte. Vierzehn Jahre später ist es nun unter dem gar nicht üblen Titel "Schattenlichter" bei Heyne erschienen, während es anderswo schon wieder Neuauflagen gibt, weil Darren Aronofsky an einer Verfilmung arbeitet. Der Roman ist heute noch so gut wie damals, nur die Werbezeile lautet nun: "Sunset Boulevard trifft Da Vinci Code".

          Was Roszak tatsächlich mit Dan Brown verbindet, ist die Tatsache, daß er sich mit "Schattenlichter" seinen Reim auf die Filmgeschichte macht, wo der andere sein Spiel mit der Kunstgeschichte treibt, und daß dabei beide einer großen Weltverschwörung zwischen Kirche und Ketzern auf die Spur kommen. Roszak ist dabei jedoch weniger daran interessiert, atemlos von einer überraschenden Wendung zur nächsten zu hetzen, obwohl es daran bei ihm auch nicht mangelt, sondern nutzt die Romanform vor allem dazu, von seiner Leidenschaft fürs Kino zu erzählen, indem er eine Biographie entwirft, die sich über Filme neu erfindet. Wenn Godard sagt, daß man Filme eigentlich nur mit Filmen kritisieren kann, dann hält Roszak entgegen, daß man vom Kino eigentlich nur schwärmen kann, indem man seine Geschichten weiterspinnt.

          "Schattenlichter" ist der Roman eines Liebhabers, und da ist 1939 als Geburtsjahr des Helden natürlich kein Zufall, weil das allgemein als Höhepunkt des klassischen Hollywood gilt. Die wahre Geburt jenes Jonathan Gates findet allerdings statt, als er Ende der fünfziger Jahre die Räume des "Classic" betritt, eines Kellerkinos in Los Angeles, deren Zustand dem Namen zwar hohnspricht, wo aber die Filmkunst eine Heimat hat. Und um diese Lehrjahre des Gefühls auch zu komplettieren, verliebt er sich in Clarissa Swann, die geschmackssichere Betreiberin des Classic, die beim Sex am liebsten über Filme doziert.

          Während seiner Erziehung des Herzens stößt Gates auf das Werk des B-Movie-Regisseurs Max Castle, der eigentlich Max von Kastell hieß, 1925 Deutschland verlassen hatte und dann in Hollywood Filme machte, die Titel hatten wie "Die Spur des Würgers" oder "Das Fest der Untoten". Und obwohl die beiden Filmliebhaber eigentlich auf die Filmkunst eingeschworen sind, werden sie von den billigen Filmen mehr in Bann geschlagen, als sie anfangs zugeben wollen. Etwas ist in ihnen, eine unheimliche Anziehungskraft, ein düsteres Pulsieren, das im weiteren Verlauf realere Ursachen hat, als sie sich träumen lassen.

          Der Witz an dem Roman ist natürlich, daß es jenen Max Castle nie gegeben hat, Roszak sich aber in der Filmgeschichte gut genug auskennt, um eine Bio- und Filmographie zu entwerfen, die so haarscharf an realen Karrieren entlang gesponnen ist, daß man tatsächlich den Eindruck hat, an der Entdeckung eines vergessenen Genies teilzuhaben. Und Roszak, der eigentlich als Geschichtsprofessor und Autor des Buches "Gegenkultur" einen Namen hat, betreibt den Wechsel zwischen dem, was war, und dem, was hätte sein können, mit erstaunlichem Geschick, läßt sogar den leibhaftigen Orson Welles auftreten, dessen "Heart of Darkness" genauso eine Rolle spielt wie "Der Malteserfalke" von John Huston, der in einem fiktiven Brief seinen Auftritt hat.

          Über die Verbindung Max Castles zu einem obskuren Orden braucht man nicht mehr zu verraten, als daß eine Verschwörung im Gange ist, die bis an den Anfang der Dinge zurückreicht und die sich des Kinos zu bemächtigen versucht, weil es den direktesten Zugang zum Unterbewußtsein der Menschen ermöglicht. Theodore Roszak schafft es jedenfalls, alle Strömungen, die die Wahrnehmung des Kinos im letzten Jahrhundert bestimmt haben, auf pfiffige Weise aufzugreifen, und was sein Held dabei an Kulturpessimismus entwickelt, wird ihm am Ende geradezu zum Verhängnis.

          In gewisser Weise ist "Schattenlichter" geradezu prophetisch, weil er schon 1991 ein Phänomen wie Quentin Tarantino, der die Hierarchien zwischen Kunst und Trash auf den Kopf gestellt hat, in der Figur eines jungen Kultregisseurs namens Simon Dunkle auf fast unheimliche Weise vorwegnimmt. Und auch das Ende von "Cinema Paradiso", das alles Glück in jenen Szenen findet, die nicht für unsere Augen bestimmt waren. Am Ende gilt auch für "Schattenlichter", daß das Kino das einzige Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

          MICHAEL ALTHEN

          Theodore Roszak: "Schattenlichter". Roman. Aus dem Englischen von Friedrich Mader. Heyne Verlag, München 2005. 878 S., br., 14,- [Euro].

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