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: Eine Vision der Schöpfung von verzweifelter Erhabenheit

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Vielleicht beginnt die literarische Moderne nicht nur, wie wir gelernt haben, mit Baudelaire und Flaubert, sondern auch, zeitgleich, mit Emily Dickinson und Herman Melville. Die beiden Neuengländer mußten freilich weit länger auf ihre Stunde warten als die Franzosen. Wieviel Zukunft ihre gewaltsame Abweichung ...

          Vielleicht beginnt die literarische Moderne nicht nur, wie wir gelernt haben, mit Baudelaire und Flaubert, sondern auch, zeitgleich, mit Emily Dickinson und Herman Melville. Die beiden Neuengländer mußten freilich weit länger auf ihre Stunde warten als die Franzosen. Wieviel Zukunft ihre gewaltsame Abweichung vom damals Üblichen hatte, wie kühn sie den horror vacui einer entgöttlichten Welt aushielten und ausdrückten, hat die lesende Menschheit erst spät zur Kenntnis genommen.

          So sehen wir heute Melvilles Meisterwerk "Moby-Dick" mit ganz anderen Augen als die ursprüngliche Leserschaft von 1851, die sich in ihrer Erwartung exotischer Südsee-Abenteuer vom Autor herb enttäuscht sah. Aber was ist das auch für ein Roman, dessen Seemannsgarn so bald schon ins Philosophische und Enzyklopädische zerfasert; dessen Ich-Erzähler als Handelnder rasch in den Hintergrund rückt und dafür zum Kompilator einer abgründig ausufernden Cetologie oder Walkunde mutiert? Ein Achthundert-Seiten-Wälzer, ohne ordentliche Intrige, frauenlos, mit einer Mannschaft aller Hautfarben der Welt, die sich der ozeanischen Wildnis und ihrem "Leviathan" aussetzt - und ohne rechten Bösewicht? Denn der einbeinige Käpt'n Ahab wird trotz seines schlimmen alttestamentlichen Namens und seines dämonischen Auges der Rolle des Schurken nicht gerecht. Zunehmend erweist er sich als ein von Erkenntnisdrang und Lebensqual getriebener Faustus, Lear und Hiob der Wasserwüste, der am Ende die Seinen mit sich in den Sog des Abgrunds reißt. Einzig Ismael, der Erzähler, durch seinen gleichfalls biblischen Namen als Ausgesonderter gezeichnet, entkommt dem apokalyptischen Strudel, ein Sarg seine Rettungsboje.

          Vom ersten Satz an stilisiert der Roman die Queste seiner Figuren ins Symbolische. Unwiderstehlich und Schritt für Schritt ziehen uns die Auftaktkapitel in eine "andere" Welt, deren Fremde und Geschlossenheit das Walfangschiff verkörpert. Doch kaum ist es recht in Fahrt gekommen, da wird der Erzählfluß immer aufs neue nach einem Verfahren gebrochen, das Lawrence Sterne, einer der Meister Melvilles, in seinem "Tristram Shandy" die progressive Digression nennt. Denn der Weiße Wal, das Ungetüm, der große Antagonist Ahabs, muß in der Wort- und Gedankenfülle des Buches seine Entsprechung finden: "So erhebend ist die Wunderkraft eines ausgedehnten Themas! Wir weiten uns zu seinem Umfang." Aber je mehr das Wortnetz des Erzählers den Wal zu fassen sucht, um so hartnäckiger entzieht er sich dem Zugriff. Als seine Fänger ihn im Crescendo des Schlußteils endlich gestellt haben, sind sie endgültig seiner Macht verfallen.

          Wie die Odyssee Homers ist diese Schiffahrt der Mythos eines ganzen Zeitalters: eine Odyssee ohne Heimkehr. Und wie Joyces "Ulysses" ist es ein Text aus hundert Stimmen und Stilen, der als Echoraum der Weltliteratur alle Genres in sich vereint, in einer Huldigung an das unerschöpfliche Schöpfertum der Sprache selbst. Jede ernsthafte Übertragung dieses verbalen Ungetüms muß so zu einem riskanten Abenteuer werden und zum angestrengten Widerstand gegen die ständige Versuchung des Bearbeitens und Einebnens.

          Friedhelm Rathjen, dessen "Moby-Dick" seinerzeit vom Hanser Verlag als unlesbar zurückgewiesen wurde, verkörpert diesen strengen Melville-Übersetzer nach außen hin am unerbittlichsten; nicht umsonst ist er bei Joyce, Beckett und Arno Schmidt in die Lehre gegangen. Seine Fassung liegt jetzt in einer schönen, von den holzschnittartigen Federzeichnungen Rockwell Kents prachtvoll illustrierten Ausgabe bei Zweitausendeins vor. Im Anhang wiederholt der Übersetzer die Grundsätze seiner Poetik, die er ursprünglich mit ersten Textproben im "Schreibheft" 57 vorgestellt hatte: absolutes Respektieren der Vorlage in ihrer ganzen Neuartigkeit und Befremdlichkeit ohne Rücksicht auf den Leser; keine Hierarchisierung ihrer Bedeutungsschichten; weitgehender Verzicht auf eigene Interpretation, ja auf eigenes Verstehenwollen.

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