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: Eine Türkin wie wir

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Es muß ums Jahr 1967 herum gewesen sein, als ein junger Mann aus New York, ein Mitglied der mächtigen Lucchese-Familie, sich dazu entschloß, ein anständiger Mensch zu werden und die Karriere im Familienunternehmen zu verweigern: Er meldete sich zur Armee, leistete seinen Dienst in Vietnam, und als ...

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          Es muß ums Jahr 1967 herum gewesen sein, als ein junger Mann aus New York, ein Mitglied der mächtigen Lucchese-Familie, sich dazu entschloß, ein anständiger Mensch zu werden und die Karriere im Familienunternehmen zu verweigern: Er meldete sich zur Armee, leistete seinen Dienst in Vietnam, und als er entlassen wurde, suchte er sich eine Wohnung in San Francisco, wo er einen ganzen Kontinent zwischen sich und der Familie hatte; er lebte ein bürgerliches Leben, und eines Abends kaufte er eine Kinokarte und schaute sich den "Paten" an. Am nächsten Tag kündigte er seine Wohnung und seinen Job, er buchte sich einen Flug, einfach, nach New York, und als der junge Mann dort ankam, meldete er sich sofort zurück zum Dienst bei der Familie.

          Es muß etwa dreißig Jahre später gewesen sein, als eine Führungskraft aus derselben Familie vor einer schwierigen Operation stand. Es würde viel Blut kosten, das wußte der Mann, und weil er Angst vor Aids hatte, verweigerte er sich den üblichen Konserven. Durch seinen katholischen Körper sollte auf keinen Fall das Blut von Protestanten, Schwarzen oder Schwuchteln fließen. Jedes Mitglied der Familie, das die richtige Blutgruppe hatte, wurde statt dessen zur Ader gelassen - die Operation gelang, der Patient war danach mit HIV infiziert.

          Mob und Tadel

          Diese beiden wahren Geschichten standen vor ein paar Jahren im "New York"-Magazin, in einem Artikel, der einerseits ein Nachruf auf jene Institution war, welche mal Mob, mal Mafia und im internen Verkehr meistens nur Familie hieß - und vor allem ging es um eine ästhetische Katastrophe. Die Italiener waren zu echten Amerikanern geworden, was zwar, rein gesellschaftlich betrachtet, eine gute Nachricht war. Aber mit dem Verschwinden des Gefälles ging dem Kraftwerk, das ein Jahrhundert lang die Energie für Mythen und Heldensagen, für Filme und Romane, für die Legende von Frank Sinatra, die Trilogie vom "Paten", die Rollen von Robert De Niro geliefert hatte, der Saft aus. Die Italiener bekamen Aids, die Amerikaner tranken Cappuccino, die Differenz löste sich auf, und in Little Italy rückten die Chinesen ein.

          Man muß, wenn es eigentlich um Deutsche, Türken und Deutschtürken gehen soll, vielleicht nicht so weit ausholen; aber es hilft: In Berlin-Kreuzberg oder bei den Fremdenfeinden der deutschen Provinz werden wir schon noch früh genug ankommen. Und wenn wir verstehen wollen, was wir hier, in Deutschland, haben und was uns fehlt, dann sollten wir uns die kulturelle Dominanz der Vereinigten Staaten ausnahmsweise mal nicht bloß mit der Marktmacht der dortigen Bewußtseinsindustrie erklären. Sondern auch damit, daß es dort so viele gab und gibt, die draußen stehen und hineinwollen, die Schwarzen, die Iren, die Hispanics, und auf dem Weg von der Peripherie zum Zentrum findet und ereignet sich all das, was zum Rohstoff für die großen Erzählungen taugt.

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