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: Eine Fundnudel für ganz Berlin

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An eine Sache muss man sich gleich gewöhnen. Daran, dass Rico Doretti ein ungewöhnliches Kind ist. Dabei sieht Rico gar nicht seltsam aus. Oskar schon eher: Der ist hochbegabt, ein wenig miesepetrig und trägt einen Sturzhelm beim Spazierengehen. Rico hingegen ist "tiefbegabt". Das heißt, er kann ...

          An eine Sache muss man sich gleich gewöhnen. Daran, dass Rico Doretti ein ungewöhnliches Kind ist. Dabei sieht Rico gar nicht seltsam aus. Oskar schon eher: Der ist hochbegabt, ein wenig miesepetrig und trägt einen Sturzhelm beim Spazierengehen. Rico hingegen ist "tiefbegabt". Das heißt, er kann zwar gut und viel denken, aber es dauert ungeheuer lang, weil in seinem Kopf etwas nicht so funktioniert wie bei anderen Leuten. Und es fällt ihm immer mal wieder etwas aus dem Gehirn heraus, wo rechts ist und links zum Beispiel, oder Dinge, an die er sich unbedingt erinnern muss, wie seine Adresse.

          Rico hat aber auch einen wahren Schatz in seinem Kopf: Er ist ein guter Erzähler. Ach was, er ist ein großer Erzähler! Und ein großartiger Beobachter, der so genau, so witzig und traurig und klug und warmherzig aus seinem Leben und seiner Umgebung erzählt, dass man nicht anders kann, als aufgeregt Seite um Seite umzublättern. Entgegen aller Klischees hat Rico einen schlauen Lehrer: Herr Wehmeyer aus dem Förderzentrum hat sein Talent erkannt und Rico beauftragt, den Sommer über ein Ferientagebuch zu schreiben. Auf dem Computer - weshalb Ricos Rechtschreibschwäche dank des Korrekturprogrammes auch nicht spürbar ist in "Rico, Oskar und die Tieferschatten".

          Vermutlich würde man das Buch auch verschlingen, wenn Rico keinen Kriminalfall lösen würde. Aber ausgerechnet Ricos neuer Freund Oskar wird vom Kindesentführer "Mister 2000" erwischt. Rico hat ein Gespür für die Leute in seinem Haus, der "Dieffe 93" - und damit für das Leben an sich. Er spürt sogar, dass in der Wohnung im Hinterhaus etwas nicht stimmt, wo Schatten spuken und noch tiefere Schatten. Zum Glück. Er hat eine Mutter, die kleine Fische auf den Fingernägeln trägt, und so enge Jeans, dass man sie beinahe rausschneiden muss. Er mag, dass sie so aussieht, er mag aber auch, wenn sie etwas "Kümmeriges" tut, Fischstäbchen für ihn kochen, zum Beispiel. Außerdem passieren auch ohne "Mister 2000" höchst interessante Dinge, von der ersten Seite an: Da findet Rico eine Rigatoni auf dem Bürgersteig, die logischerweise nichts anderes sein kann als eine "Fundnudel". Man wünscht sich sofort, dieses Wort irgendwann mal selbst in einen Satz einbauen zu können. Es ist ungefähr genauso schön wie "Sachensucher".

          So ein wunderbarer, in Zwischentönen und Worterklärungen höchst versierter Erzähler ist Rico. Er weiß sogar, wie man "Depression" definiert: "Wenn alle Gefühle im Rollstuhl sitzen." Freundlicherweise steht sein kleines Privat-Wörterbuch mit Begriffen, die er sich selbst erst einmal erklären muss, eingekastelt im Text. Vielleicht finden demnächst ja ein paar mehr Leute den Schalter zwischen Heiligkeit und Egoismus, wenn sie Ricos Definition dazu gelesen haben.

          Dass Rico trotz seiner Behinderung so ungewöhnlich gut erzählen kann, ist ein Kunstgriff, den man akzeptieren muss, sonst verliert der Roman seine Glaubwürdigkeit. Das tut man gern, denn Andreas Steinhöfel kann nicht nur eine so liebenswerte Figur wie Rico erfinden und einen so einleuchtend perfiden Entführer wie "Mister 2000". Die Dieffenbachstraße in Berlin-Kreuzberg, wo Rico wohnt, hat Steinhöfel nicht erfunden, die gibt es genauso wie den Karstadt Hermannplatz, wo Frau Dahling, die einsame Frau aus dem dritten Stock, an der Fleischtheke steht. Nichtsdestotrotz wirkt Berlin wie neu erfunden, durch den Blick dieses tiefbegabten Ich-Erzählers. Und selbst wenn dieser mit einer so reichen Sprache gesegnete Junge, der "Müffelchen" verspeist, es "kruspeln" hört oder sich aufs Sofa "pflanzt", dazwischen einen Satz wie "Ich bin ganz auf mich allein gestellt" in den Computer tippt, dann meint er, als sei er frisch erfunden, genau das. In Ricos Umgebung gibt es Kinder und Erwachsene, die herzzerreißend vernachlässigt sind, was er genau beschreibt, auch wenn er selbst zuweilen sehr einsam ist.

          Steinhöfel ist ein Meister des realitätsgesättigten, empathischen Erzählens: Was bei vielen banal wird oder gar kitschig, balanciert bei ihm leichtfüßig auf schmalem Grat zwischen beidem, und der Grat befindet sich ganz oben. Steinhöfel, Jahrgang 1962, der mit "Die Mitte der Welt" vor fast zehn Jahren einen gefeierten "Coming of age"-Roman geschrieben hat, macht sich mit "Rico, Oskar und die Tieferschatten" an ein weiteres klassisches Genre, den Kinderkrimi. Dabei misst er sich an den ganz Großen, und zwar so unprätentiös wie sein Rico, dem man dafür sogar den Namen "Frederico Doretti" verzeiht. Schon Peter Schössows herrliche Kapitelbilder und Vignetten erinnern, so heutig sie sind, an Walter Triers Kästner-Illustrationen. Und Steinhöfel hat mit Rico geradezu die zeitgenössische Gegenfigur von Kästners Berlin-Krimi "Emil und die Detektive" erfunden: Rico geht in die Sonderschule nahe dem Landwehrkanal, kriegt nie Bio-Gemüse und hat eine alleinerziehende Mutter, die nicht als züchtige Friseuse, sondern nachts in einer Bar arbeitet, in der Callgirls Männer abschleppen, weshalb ihr Busen ihr Betriebskapital ist. Und sie ist eine tolle Mutter.

          Plakativ ist das bei Steinhöfel nicht, aber er zeigt, wie unterschiedlich man Begabung definieren kann, Schwäche, Werte, Familie, Fürsorge und Liebe. Oscar etwa ist zwar hochbegabt, aber sein Papa springt nicht freudestrahlend um ihn herum, sondern versäuft sein Geld in der Kneipe. Gut, dass Rico etwas für ihn tun kann. Und gut für uns, wenn Steinhöfel sich für Rico und Oscar ein neues Abenteuer ausdenkt.

          EVA-MARIA MAGEL

          Andreas Steinhöfel: "Rico, Oskar und die Tieferschatten". Bilder von Peter Schössow. Carlsen Verlag, Hamburg 2008. 220 S., geb., 12,90 [Euro]. Ab 10 J.

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