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Ein Wunder : Kästners Hausapotheke, illustriert von Teofila Reich-Ranicki

Bild: Verlag

Dass dieses Heft mit Illustrationen zu „Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke“ die Jahrzehnte überstanden hat, grenzt ebenso an ein Wunder wie das Überleben von Teofila und Marcel Reich-Ranicki.

          Die Literatur weiß ihre Liebhaber zu beschenken. Das Büchlein, das hier anzuzeigen ist, handgeschrieben und mit hübschen, zum Teil rührenden Zeichnungen versehen, ist ein außerordentliches Geschenk in zweifacher Hinsicht. Es spendete Trost in trostloser, auswegloser Lage, und es war Ausdruck einer Liebe, die keinerlei Anlass zur Hoffnung zu haben schien. Sechzig Jahre, nachdem Teofila Langnas ihrem späteren Ehemann Marcel Reich-Ranicki den Band zum Geschenk gemacht hat, erscheint „Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, im Warschauer Getto aufgeschrieben und illustriert von Teofila Reich-Ranicki“ im Druck.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Für den jungen Marcel Reich war die 1936 in Zürich erschienene Sammlung von Gedichten Kästners, auf die er bei einem Bekannten im Warschauer Getto stieß, ein glücklicher, gänzlich unerwarteter Fund. In seiner Autobiographie „Mein Leben“ hat Reich-Ranicki festgehalten, was der damals Zwanzigjährige nach der Lektüre der ersten Seiten empfand: „Ich wollte dieses Buch unbedingt haben.“ Aber es war im Getto nicht zu bekommen. Reich-Ranickis Wunsch ging dennoch in Erfüllung: Teofila Langnas, die junge Tochter eines Nachbarn, der sich aus Verzweiflung im Getto das Leben genommen hatte, schrieb 56 der insgesamt 119 Gedichte mit der Hand ab, versah die Seiten mit eigenen Zeichnungen (unsere Abbildung) und heftete sie sorgfältig zusammen. Die Auswahl hatte Reich-Ranicki getroffen, und Salomon Korn weist im seinem Nachwort zu Recht daraufhin, dass nicht nur diese Zusammenstellung, sondern auch die Anstreichungen, die Teofila Reich-Ranicki später an einzelnen Gedichten vorgenommen hat, Aufschluss geben über die Seelenlage des jungen Paares. Der Wunsch der jungen Zeichnerin, Kunstwissenschaften zu studieren, sollte sich auch nach dem Ende des Naziterrors nicht erfüllen.

          Dass dieses Heft die Jahrzehnte überstanden hat, grenzt ebenso an ein Wunder wie das Überleben von Teofila und Marcel Reich-Ranicki. Welchen Anteil die Literatur und die Liebe an diesem Wunder hatten, können wir nicht wissen, sondern allenfalls erahnen. Dieses Büchlein hilft uns dabei.

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