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: Ein Weekend in der Hölle

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Éléonore Caribou, Consultingfrau bei Ernst & Young, ist jung, sexy, intelligent und erfolgreich, aber auch einsam, "verzweifelt underfucked" und überarbeitet. Beim Power-Napping in der Bürotoilette erscheint ihr das Arbeitsleben bereits als "ermüdendes Theater, in dem derjenige, der kacken müßte, selber zum Scheißhaufen wird".

          Éléonore Caribou, Consultingfrau bei Ernst & Young, ist jung, sexy, intelligent und erfolgreich, aber auch einsam, "verzweifelt underfucked" und überarbeitet. Beim Power-Napping in der Bürotoilette erscheint ihr das Arbeitsleben bereits als "ermüdendes Theater, in dem derjenige, der kacken müßte, selber zum Scheißhaufen wird". Keine Frage, Nanou braucht Urlaub, selbst wenn in ihren Kreisen schon ein freies Wochenende als wirtschaftsethische Todsünde gilt. Immerhin will die "großartige Persönlichkeit" nicht mit der Unterschicht in der sozialen Hängematte herumhängen, sondern sich in einer Villa an der Côte d'Azur eine standesgemäße Sause mit ehrgeizigen, jungen Führungskräften, kaltherzigen Liquidatoren und "atemberaubend attraktiven" Zicken wie Sylvie gönnen. "Meine Aufgabe als Berichterstatter", verkündet der Autor umständlich, "besteht darin zu erzählen, was sich in jenen Tagen ereignet - und wenn ich ordentlich dick auftrage, was soll's -, damit Sie dadurch etwas erfahren, wie junge Frauen heute leben, und auch, weil ich Ihnen Freude bereiten will."

          Offen bleiben muß, inwiefern ein verlängertes Wochenende voller "Lebensüberdruß" und "Daseinsleere", homo-, metro- und parasexuelle Orgien, Gewaltexzesse, Körperpflege und gepflegte Langeweile am Pool Freude bereiten können. Das Autorenfoto zeigt einen blassen, hilflos artigen Franzosen, und so haben sich denn auch gleich der deutsche Verlag und der Übersetzer Michel Houellebecqs des Falles angenommen. Die "Sittengeschichte einer vergnügungssüchtigen Business-Class", aufgeputscht mit Ecstasy, Pasolini und de Sade, hat uns gerade noch gefehlt. Daß Berton Politikwissenschaftler ist und in einer Pariser Sozialbehörde arbeitet, macht alles noch schlimmer. Wenn er sich, ganz auktorialer Erzähler von altem Schrot, in hölzernen Kommentaren und direkten Leseransprachen über seine arroganten Schnösel ("Das Böse herrscht im Berufsleben ebenso wie im Horrorfilm, ohne jede Subtilität, ungeschminkt, und trotz der besseren materiellen Bedingungen besudelt es die Wirtschaftswelt wie ein fetter Pinsel einen breiten, speckigen Hintern"), die "Versklavung des Volks" durch Fernsehjournaille und Stars ("Wo ist die Qualität geblieben? Wo Schönheit und Stil?") oder den frauenfeindlichen Konsum- und Modeterror ereifert, sehnt man sich fast nach Houellebecqs fischblütigem Zynismus.

          Überraschenderweise hat "Am Pool" aber auch "qualitätvolle Momente". Zwar malt Berton sein Sittenbild der neoliberalen jeunesse dorée mit dem fetten, vor Abscheu und Empörung triefenden Pinsel eines Zola; aber je detaillierter er Dekadenz und Demütigungen beschreibt, desto surrealer und zweideutiger wird sein sozialkritischer Realismus. Der Ausflug der Clique in eine Nobeldisco etwa beginnt harmlos als danteske Höllenfahrt und steigert sich unversehens zu einer Feier rauschhafter Selbstverschwendung und bizarrer Todeslust, als habe Georges Bataille zu dick aufgetragen; die monströse Charity-Party in einer Villa am Strand zitiert und übertrifft in ihrer "Grausamkeit ohne Scham" alle Orgien von Gilles de Rais bis "Eyes Wide Shut"; selbst für die an sich gutmütige Nanou ist ein Mordanschlag auf Sylvie nur ein legitime Form mikroökonomischer Marktbereinigung.

          So steckt hinter jeder Fratze ein bocksbeiniger "Schakalgott", hinter jedem Ferienvergnügen ein profaner Mythos. Bertons heiliger Zorn scheint noch das einzig Echte und Schöne in einer häßlichen Welt voller Fakes und Silikonbrüste: "Voilà, das ist aus unserer schönen Riviera geworden: eine Luxus-Fickbude für Bankiers, Künstler, Schriftsteller." Nanou mit ihrem kleinen Bäuchlein, ihren Depressionen und Reflexionen ist dem freien Wettbewerb selbstsicherer Luxuskörper nicht gewachsen; der Wüstling, Moralist und Frauenversteher Berton nimmt sie zärtlich an der Hand und führt sie fast unversehrt ins Glück.

          Ist das höhnische Satire oder grimmiges Pamphlet, subversive Guerrilla-Werbung für die Hölle oder Marketing in eigener Sache? Will Berton, wie einst Godard, eine abgewirtschaftete Bourgeoisie im "Weekend" an die Wand fahren lassen, oder hat er Mitleid mit ihr? Offenbar sind seine treuherzigen Moralpredigten und faden Gesellschaftsanalysen ernst gemeint; nur wenn er "die extreme geistige Dürftigkeit" seiner Helden beklagt ("An Romanfiguren aus diesem Milieu dürfte man schon einen höheren Anspruch haben"), blitzt so etwas wie grimmiger Humor auf.

          Bertons erster Roman "Wildlinge" war ein unsentimentales Pubertätsdrama von ganz unten. "Am Pool", am anderen Ende der Gesellschaft angesiedelt, verbindet auf irritierende Weise Hyperrealismus mit schwarzen Grotesken und trostlosen Klischees, unsägliches Geschwafel mit präzisen, fast reportagehaften Beschreibungen sozialer Sprach- und Verhaltensmuster. Im Anhang - er enthält neben den Lebensläufen der angehenden Elite auch soziologische Tortendiagramme zur relativen "Lebenszufriedenheit leitender Angestellter" - heißt es kryptisch: "Kein Ereignis, Vorfall, Preis, Geschlechtsakt, Klima, Protagonist, keine Marke, Aktiengesellschaft, Musikaufnahme, Stadt oder Kritik darf mit der möglichen Realität zur Zeit ihrer Schilderung verwechselt werden"; wenn der Autor Figuren des öffentlichen Lebens auftreten lasse, dann nicht, um ihre Lebensweise zu diskreditieren, sondern um "die Lektüre zu erleichtern". Raffiniertes Spiel, alberne Provokation oder einfach nur Sozialkitsch? Den Wunsch, seinem Roman "mit der nötigen Prise Verachtung und Distanz zu begegnen", wird man Berton kaum abschlagen können.

          MARTIN HALTER

          Benjamin Berton: "Am Pool". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. DuMont Verlag, Köln 2006. 272 S., geb., 19,90 [Euro].

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