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: Ein verlorenes Match

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Man kann dem französischen Autor nicht anlasten, womit sein deutscher Verlag für ihn wirbt. Serge Joncours Roman "Ultraviolett" erzählt laut Klappentext "in der Tradition der Filme von Claude Chabrol davon, wie schnell eine Familie aus dem Gleichgewicht geraten kann". Und im Prospekt wird noch aus der ...

          Man kann dem französischen Autor nicht anlasten, womit sein deutscher Verlag für ihn wirbt. Serge Joncours Roman "Ultraviolett" erzählt laut Klappentext "in der Tradition der Filme von Claude Chabrol davon, wie schnell eine Familie aus dem Gleichgewicht geraten kann". Und im Prospekt wird noch aus der französischen Kritik zitiert: "Der Schatten von Patricia Highsmith ist nie besonders fern."

          Beide Behauptungen sind keineswegs völlig aus der Luft gegriffen. Boris, der auf der Île de Bréhat eines Tages plötzlich im blendend weißen Anzug am Swimmingpool der reichen Familie Chassagne auftaucht, kann durchaus als eine Art Wiedergänger von Tom Ripley gelesen werden. Joncour macht die Parallele zum ersten Ripley-Roman auch von seiner Seite aus deutlich, indem er die entscheidenden Szenen des Romans auf einem Boot spielen lässt.

          Boris ist angeblich ein früher Internatsmitschüler von Philip, dem Tunichtgut in der Familie, der wie jedes Jahr um diese Zeit erwartet wird, aber diesmal bisher noch nicht aufgetaucht ist. Langsam übernimmt Boris die Macht in der Familie, gewinnt das Herz des Vaters und der Mutter und natürlich der beiden Schwestern von Philip. Nur Philips Schwager, mit einer dieser beiden Schwestern verheiratet, traut ihm nicht, womit er natürlich recht hat, aber dieser André-Pierre ist ein derartig unsympathisch-misanthropischer Kerl, dass niemand auf ihn hören mag. Dabei ist er der Einzige, der ein wenig mehr über die Hintergründe weiß, die hier aber nicht verraten werden sollen.

          Denn für Spannung sorgt Joncour schon, und seine Schilderungen des trägen Sommers auf der Atlantikinsel und des ebenso trägen Treibens reicher Leute sind einprägsam: gut gemachtes Genre, nicht ohne Witz und analytische Schärfe, die Sprache kühl und oft treffsicher. Der Roman ist in kurzen Szenen aufgebaut, die nach ihrer Verfilmung geradezu schreien, und er ist natürlich auch verfilmt worden, allerdings nicht von Claude Chabrol.

          Das Buch hat allerdings leider zwei entscheidende dramaturgische Fehler. Es liefert uns den Hintergrund, der Boris mit Philip verbindet, erst in einem eiligen Zeitraffer zum Schluss, so dass die Figur des Boris, anders als bei Tom Ripley, ihre Motive und ihre Kontur gleichsam übergestülpt bekommt. Und zweitens möchte Joncour offensichtlich, dass sein Roman und er selbst ganz in der Schwebe und rätselhaft bleiben, und dadurch wird das Ende einfach nur noch ärgerlich.

          Bei Patricia Highsmith sind die Toten irgendwann wirklich tot. In "Ultraviolett" indes taucht einer wieder auf, und ganz am Ende gibt es "nur einen Schuss, doch ging von ihm kein Leuchten aus, nicht das winzigste Fünkchen, nicht der geringste Anlass zur Freude". Gar so harte Worte möchte man über Serge Joncours Roman zwar nicht verlieren, aber die Richtung stimmt. Man sollte lieber bei Patricia Highsmith bleiben. Oder ins Kino gehen und einen Chabrol sehen.

          JOCHEN SCHIMMANG.

          Serge Joncour: "Ultraviolett". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Nathalie Mälzer-Semlinger. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2008. 173 S., geb., 17,90 [Euro].

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