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Anfänge der Sowjetunion : Die Revolution, ein böses Tier

Nach außen hin unterwarf sie sich, in ihrem Roman „Narrenschiff“ tat sie ihre wahre Meinung kund: die Schriftstellerin Olga Forsch Bild: akg-images / Archive Photos

Das erste Jahrzehnt der Sowjetunion war ein literarisches Dorado unter Terror. Das zeigen ein Roman von Olga Forsch und Michail Prischwins Tagebücher, die vom Kampf gegen weltliche und geistige Entbehrungen erzählen.

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          In den Memoiren der russischen Schriftstellerin Nina Berberowa tritt deren Kollegin Olga Forsch nur wenige Male auf. Aber gleich beim ersten Mal mit Aplomb, denn da wird sie vorgestellt als die kommende Autorin eines Buchs, das als Schlüsselroman über die Petrograder Literaturszene in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution zu lesen sei; einen Titel aber nennt Berberowa nicht. Wozu auch? Olga Forschs Roman war 1972, als Berberowas Autobiographie erstmals erschien, kaum greifbar. 1930 war er in der Sowjetunion erschienen, danach dauerte es bis 1988, ehe er dort wieder gedruckt werden durfte, und die einzige zwischenzeitliche Ausgabe war 1964 auf Russisch von einem amerikanischen Verlag herausgegeben worden. Übersetzungen gab es noch gar nicht, die erste und für lange Zeit auch einzige erfolgte erst 1991 als „Il vascello folle“ ins Italienische. Nun ist als zweite eine deutsche erschienen, unter dem Titel „Russisches Narrenschiff“, und man darf sagen: Das neunzigjährige Warten hat sich gelohnt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das ist vor allem der Tatsache zu verdanken, dass Christiane Pöhlmann, Lesern dieser Zeitung bekannt als Literaturrezensentin, sich nicht aufs bloße Übersetzen beschränkt hat – was bei Forschs Sprachreichtum und Formbewusstsein schon anspruchsvoll genug gewesen wäre –, sondern den Romantext auch durch einen nicht ausufernden, aber gerade deshalb sehr hilfreichen Anmerkungsapparat ergänzt, vor allem aber dem „Narrenschiff“ noch zwei Abschnitte beigegeben hat, die keck als „Lyrisches Gepäck“ und „Passagiere der Narretei, auch Blinde, und die Crew“ betitelt sind. Dieses Gepäck besteht aus einer kleinen Auswahl von Gedichten der russischen Avantgarde, die der Roman entweder selbst zitiert oder auf die er anspielt. Die Passagier- und Crewliste wiederum setzt sich zusammen aus Kurzbiographien von literarischen Akteuren der frühen Sowjetzeit, die im Roman unter ihren Klarnamen (selten), Pseudonymen (häufig) oder auch gar nicht explizit auftreten (deshalb „Blinde Passagiere“), aber für Olga Forsch eine wichtige Rolle gespielt haben.

          Überleben durch Anpassung

          Bevor man nun abgeschreckt werden könnte durch das Gefühl, sich auf der Grundlage eines gerade einmal zweihundertseitigen Romans ein ganzes Universum erschließen zu müssen, sei gesagt: Die Lektüre jedes der Zusatzteile ist kein geringeres Vergnügen als die des „Narrenschiffs“ selbst, denn einfallsreicher und vor allem gefühlvoller gedichtet als im Russland des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wurde in der westlichen Literatur nicht, und Pöhlmann beherrscht die große Kunst, mit knappsten Bemerkungen ganze Persönlichkeiten zu umreißen. Wer aus diesem „Russischen Narrenschiff“ wieder herauskommt (und man wird es nur ungern wieder verlassen), der verspürt eine unbändige Trauer um die untergegangene, ja leider muss man sagen: größtenteils mörderisch vernichtete literarische Welt der russischen Avantgarde.

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