https://www.faz.net/-gr3-9zorf

Roman von Anna Katharina Hahn : Die Taubenpost kommt heute elektronisch

„Seine Bilder sind zum Sterben schön“: Während ihres kurzen Amerika-Aufenthalts staunt Cornelia über die Perfektion der Zeichnungen von John James Audubon. Die seit 1914 ausgestorbene Wandertaube findet sie nicht wieder. Bild: Universal Images Group/Getty Ima

Man reist im Handumdrehen um die ganze Welt und kommt doch nie voneinander los: „Aus und davon“, der vierte Roman von Anna Katharina Hahn, schildert die märchenhaften Schicksale einer Stuttgarter Familie in all ihrer befremdlichen Alltäglichkeit.

          5 Min.

          Elisabeth Geiger hat mit der Organisation von Fremdheitserlebnissen ihr Brot verdient. Mit ihrem Mann betrieb sie ein Reisebüro in der Stuttgarter Innenstadt, eine typische Einrichtung der Wirtschaftswunderzeit. Jetzt ist ihr die eigene Stadt fremd geworden. „Das Gewimmel um sie herum geht ihr auf die Nerven; die Frauen, die so ernst unter ihren akkurat gebundenen Kopftüchern dreinschauen, trotz der Sommerhitze in langen Mänteln, langen Hosen. Viele sind bepackt mit Einkäufen.“ Die fetten Jahre sind also noch nicht vorbei. Aber der alten Frau schmeckt nicht, was sie sieht.

          Patrick Bahners
          (pba.), Feuilleton

          Dabei steht ihr das gruseligste Erlebnis noch bevor, ein paar Tage und 240 Romanseiten später: Ihre eigene Enkelin wird sich den fremdartigen Mitbürgerinnen anverwandeln. „Obwohl es draußen schon zu dieser frühen Stunde sommerlich lau war, trug Stella eine weite, breitgeschnittene Hose, die Elisabeth zuerst wie ein Rock vorkam, dazu ein langärmeliges Shirt.“ Mit diesem Schnappschuss könnte sich der vierte Roman von Anna Katharina Hahn auf den letzten Seiten noch in die Horrorgeschichte eines Mädchens verwandeln, das sich aus Liebe zu einem syrischen Flüchtling in die Gefängniswelt einer fundamentalistischen Lebensform hineinziehen lässt.

          Aber das Schauermärchen wird nicht Romanwirklichkeit, bleibt eine phantastische Variante der tatsächlichen Handlung – was nicht daran liegt, dass aus Märchen nie Wirklichkeit würde. Die Selbstverständlichkeit, mit der den Figuren des Romans die Märchen aus der Kindheit in den Sinn kommen, verrät im Gegenteil, dass die Wundergeschichten von der zeitweiligen Umkehrung aller Verhältnisse, vom plötzlichen Überfluss und von endlich einmal gerechter Belohnung, ein Korrelat in der Erfahrungswelt haben.

          Die Fellbacherinnen halten Wacht

          Hamid, Stellas Angebeteter, verlässt Stuttgart und lässt seine Freundin zurück, einem Befehl seiner Mutter folgend. Von dieser in Aleppo zurückgebliebenen Zahnärztin heißt es, dass sie in Stuttgart immer mit dabei gewesen sei. Das Personal des Romans schließt eine ganze Reihe solcher Über-Ich-Instanzen ein, die für das geistige Auge sichtbar sind. Bei Elisabeth Geiger, der Reisekauffrau im Ruhestand, deren Herkunftswelt der schwäbische Pietismus ist, also eine fundamentalistische Spielart des Christentums, sind es zwei Missionsschwestern aus Fellbach, die ihr immer noch ins Gewissen reden, wenn sie vom Weg ins Himmelreich abzukommen droht.

          Die Einsicht, dass solche Instanzen trotz himmelweit unterschiedlicher Autorisierung oft sehr ähnliche Maximen vertreten, liegt nicht jenseits des Horizonts der Figuren. Stellas Großmutter stimmt mit Hamids Mutter, „dieser fremden Frau“, darin überein, „dass Familie das Wichtigste ist“. Wenn in jeder Familie Abwesende mit am Tisch sitzen, so laufen umgekehrt die Anwesenden Gefahr, übersehen zu werden, und zwar auch und gerade dann, wenn ihnen ohne Unterlass die liebevollste Aufmerksamkeit zuteilwird.

          Eine Familie, das sind mehrere Personen, die sich als unzertrennliche Einheit empfinden. Was wird leicht übersehen an einer Person, die aus dieser Konstellation nicht wegzudenken ist? Dass sie Augen im Kopf hat: eine eigene Perspektive auf das Ganze der Familie und dessen menschliche Teile. Der Leser, den Anna Katharina Hahn an den Küchentisch in der Stuttgarter Ostendstraße einlädt, wo Elisabeth Geiger aushilfsweise für ihre beiden Enkel kocht, sieht das, weil die Erzählperspektive abwechselt. So sehen wir die Großmutter mit den Augen des kleinen Bruno. „Eli-Omi ist speziell. Sie fällt auf, wenn man mit ihr unterwegs ist, denn sie ist groß und dünn, redet laut, trägt fast immer lange Hosen und Anzugjacken und hat graue Haare, die wie ein Helm frisiert sind.“

          Leiden an der Physis

          Das denkt sich jemand, der selbst speziell ist, der jämmerlich darunter leidet, dass er auffällt, wenn man mit ihm unterwegs ist. Bruno ist dick. Ihm kommt der Gedanke nicht, der sich dem Leser aufdrängt, dass lange Hosen im Straßenbild von Stuttgart-Ost doch gar nichts Auffälliges sind. Für den Jungen bezeichnet die eigene Mutter die Norm. Und Cornelia Geiger-Chatzis, Physiotherapeutin und geschiedene Frau eines in die Heimat seiner griechischen Vorfahren verzogenen Physiotherapeuten, trägt Shorts.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.