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: Ein Mann von der Stange

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Das Kind berühmter Künstler zu sein kann Vorteil bedeuten, aber auch Last. Zum einen heißt es, in einer Atmosphäre aufwachsen zu dürfen, die viele fördernde Eindrücke spendet. Zum anderen aber droht die Gefahr, dauernd Ansprüchen zu begegnen, die eher den Eltern angemessen sind als dem Kind.Die ...

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          Das Kind berühmter Künstler zu sein kann Vorteil bedeuten, aber auch Last. Zum einen heißt es, in einer Atmosphäre aufwachsen zu dürfen, die viele fördernde Eindrücke spendet. Zum anderen aber droht die Gefahr, dauernd Ansprüchen zu begegnen, die eher den Eltern angemessen sind als dem Kind.

          Die Schriftstellerin, mit der wir es hier zu tun haben, gehört offenkundig zum glücklichen Künstlernachwuchs: Die Norwegerin Linn Ullmann, geboren 1965, ist Tochter der Schauspielerin Liv Ullmann und des Regisseurs Ingmar Bergman. Linn Ullmann widmet sich freilich nicht der darstellenden Kunst, sie schreibt Bücher. Man könnte meinen, daß ihr diese Abweichung zum Vorteil gereicht, doch würde eine solche Überlegung die Autorin unzulässig einschränken, weil sie das Kind - wenn auch mit Minuszeichen - wieder einmal an die Eltern bindet. Die Tochter Ullmann aber zeigt eine höchst eigenständige Kraft, sie hängt von niemandem ab. Dennoch kann sie das Künstlerkind nicht verleugnen. Sie ist eine Antwort auf die Forderung, die Faust im nächtlichen Studierzimmer formuliert: "Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen."

          "Gnade" ist der dritte Roman der Norwegerin nach "Die Lügnerin" (1999) und "Wenn ich bei dir bin" (2002). Er führt uns einen alten Mann vor, Johan Sletten, 71 Jahre, Zeitungsredakteur im Ruhestand. Als Journalist war Johan nicht mehr als Durchschnitt, am Ende wurde er sogar hinauskomplimentiert, weil er eines Kollegen Rezension plagiierte. Privat hat er eine mißlungene erste Ehe geführt, die Frau kam bei einem Unfall ums Leben, er trauert nicht um sie. Irgendwo gibt es einen Sohn, der immer ganz Mutters Kind war, den Vater nicht lieben kann und vom Vater auch nicht geliebt wird. Johans positive Gefühle gehören seiner zweiten Ehefrau Mai, seinem Glück, der "Gnade seines Lebens", wie er immer wieder sagt. Sie ist die einzige Gnade, die ihm zuteil wird, jedenfalls in den Wochen, die der Roman uns vorführt. Denn Johan ist krebskrank, sein Zustand besorgniserregend, er leidet unter Schmerzen und ängstigt sich vor noch schlimmeren Leiden und vor einem grausamen Tod. Mai ist Medizinerin, Kinderärztin; sie soll ihn, darum bittet er, gegebenenfalls erlösen.

          Wenn es irgendwann falsch sein könnte, von einem Romanhelden zu sprechen, dann in Zusammenhang mit diesem Buch. Johan ist nicht mehr als ein Alltagstyp, im Erscheinungsbild und in dem, was er zustande gebracht hat. Kein böser Mensch, Gott behüte, nur eben einer von der Stange. Wenn wir uns dennoch für ihn interessieren können, und zwar von Seite zu Seite mehr, so liegt das an der Gestaltungskunst der Autorin. Sie faßt ihre Figur sozusagen mit zarten Fingern an, wendet sie geschickt hin und her und stellt sie in ein Licht, das uns erkennen läßt: Die meisten Menschen sind nicht mehr als durchschnittlich, die wenigsten Leben bemerkenswerter als das von Johan. Würden wir selbst, sollte jemand uns in ein Buch bannen, nicht beim Leser eine ähnliche matte Wirkung erzielen?

          Man formuliert dergleichen nicht unbedingt während der Lektüre, aber man reagiert entsprechend. Es dauert nicht lange, dann fühlt man mit Johan, beginnt zu grübeln, was so ein drohender Schmerzenstod in einem selbst auslösen könnte. Würde die barmherzige Spritze noch Barmherzigkeit bedeuten, wenn man sie real vor Augen hätte? Würde man sie auch dann noch im Fleisch spüren wollen? Genau diese Fragen flackern durch Johans Kopf, und er versucht, wie es wohl jeder täte, ihnen zu entkommen. Mal läßt er sein Hirnkino die Bilder der Vergangenheit abspielen, mal die der Gegenwart. Er macht sich vor, daß er sich über den unerwarteten Besuch des Sohnes freut und darüber, daß er dem sterbenden Vater die baldige Geburt eines Enkelchens anzukündigen vermag. Er versucht, sich in das Glück der Jahre mit Mai zu versenken, schafft sich Tag für Tag ihr Bild neu, indem er alle Schwächen, von denen auch sie keineswegs frei ist, wegradiert. Er schließt die Ohren vor den beklemmenden Mitteilungen seines Arztes, läßt nur hinein in den Gehörgang, was ihm Mut machen könnte.

          So wird er, was er vermeiden wollte, ein absolut einsames Geschöpf, das niemanden versteht und von niemandem verstanden wird, das nur den einen beängstigenden Gefährten hat: den Tod. Hieße das Buch "Johan und der Tod", dann signalisierte uns dieser Titel, daß all die Probleme, um derentwillen Menschen sich selbst und einander weh tun, Humbug sind gegenüber dem einen Problem, das auf jedem lastet und das keiner löst: der Vergänglichkeit allen Lebens, der Unausweichlichkeit des Sterbens. Beklemmend das Ende der Geschichte, wenn Mai, allen strafrechtlichen Bestimmungen zum Trotz, das Risiko auf sich nimmt, dem geliebten Mann die erflehte Erlösung zukommen zu lassen. Nun zeigt sich: Johan will die Spritze nicht wirklich, sie war wohl immer nur Gegenstand seiner Gedankenspiele. Aber inzwischen hat ihm der Krebs die Stimme genommen, er kann sich Mai nicht mehr verständlich machen. Das Gift fließt in seine Adern.

          Ein Buch ohne Fehl; nur schade, daß wir es nicht im Original zu lesen vermögen. Denn die Übersetzung hat ein paar störende Haken und Ösen, verursacht durch Sprachdummheiten, wie sie im Alltagsdeutsch ihr Unwesen treiben. Man kann sich nicht vorstellen, daß die sensible Autorin Ullmann ein norwegisches Pendant zum Superlativismus "in keinster Weise" verwendet hätte; zum Wechselbalg "nichtsdestotrotz", der früher nichts als ein Schülerulk war; zu "in etwa", anscheinend entstanden aus der Irrmeinung, eine Inflation bringe Wörter um ihren Aussagewert, man müsse ein bißchen hinzutun. Zum Glück schmälert keiner der Patzer ernsthaft den Eindruck, den der Roman beim Leser hervorruft.

          SABINE BRANDT

          Linn Ullmann: "Gnade". Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Ina Kronenberger. Droemer Verlag, München 2004. 160 S., geb., 14,90 [Euro].

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