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: Ein Liebhaber wie ein Knochen im Curry

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Es war das Buch der Stunde. Als im Herbst vergangenen Jahres die Frankfurter Buchmesse das Gastland Indien präsentierte, kam Kiran Nagarkars Roman "Gottes kleiner Krieger" auf Deutsch heraus, eine erschütternde Innensicht in das Werden eines Terroristen. Nagarkars Gotteskrieger plant sogar einen Mordanschlag ...

          Es war das Buch der Stunde. Als im Herbst vergangenen Jahres die Frankfurter Buchmesse das Gastland Indien präsentierte, kam Kiran Nagarkars Roman "Gottes kleiner Krieger" auf Deutsch heraus, eine erschütternde Innensicht in das Werden eines Terroristen. Nagarkars Gotteskrieger plant sogar einen Mordanschlag auf den kraft "Fatwa" für vogelfrei erklärten Autor der "Satanischen Verse", Salman Rushdie. Ein Nebenstrang des Romans nur, der aber Rushdies Unmut erregte. Es war das Symbol Rushdie, das Nagarkar mit dem Skandal flirten ließ, obwohl Rushdie ihm auch persönlich schon Anlass für Unmut bereitet hat. Mit seiner provokanten These etwa, indische Literatur, die nicht auf Englisch geschrieben sei, sei bedeutungslos.

          Das betraf Nagarkar unmittelbar, hatte er doch seinen ersten Roman "Saat Sakkam Trechalis" 1974 auf Marathi, einer der 23 offiziell anerkannten indischen Sprachen, veröffentlicht, zudem versehen mit zahlreichen Passagen in Hindi und in Englisch und durchsetzt mit dialektalen Passagen. 1988 scheiterte eine erste Übersetzung ins Deutsche, die unter dem Titel "Siem mal sex iss 43" angekündigt, aber nie ausgeliefert wurde.

          Nun, da Nagarkar auch international als einer der wichtigsten indischen Autoren der Gegenwart bekannt ist, hat sich sein deutscher Verlag, A1 in München, auch des Erstlings angenommen. "Sieben mal sechs ist dreiundvierzig" heißt es jetzt slangfrei, und auch wenn das Nachwort der Übersetzer und ein Glossar darauf verweisen, wie viel dem Leser durch die Übertragung entgeht, die die verschiedenen Sprachebenen nur andeuten kann, erscheint diese Lösung doch als geglückt.

          Nagarkar breitet die Erlebnisse des etwa dreißigjährigen Kushank aus, der in Bombay lebt, der armen indischen Mittelschicht entstammt und Schriftsteller sein möchte, mit geringem Erfolg allerdings, so dass er seinen Lebensunterhalt mehr bei Freunden und Bekannten zusammenschnorrt als verdient. Drastisch geht es dabei zu und oft brutal. Gleich zu Beginn des Romans verbrennt sich eine Frau, die die Schläge und Vergewaltigungen ihres Mannes nicht mehr aushält. Kushank wird zur Schwiegermutter geschickt, die sich um die Kinder kümmern soll, sich aber zu helfen weigert und derb über die Sterbende schimpft. Wenig später dringt das Schicksal einer Nachbarsfamilie auf den Leser ein, in der der Vater namens Bhau ("Bruder") seine Kinder, vor allem seine Töchter, regelmäßig und aufs fürchterlichste verprügelt, hörbar für alle Nachbarn, von denen niemand einschreitet.

          So oder so ähnlich geht es weiter, wie nebenher tauchen Berichte von sexuellem Missbrauch, von Armut, Lieblosigkeit und jammervollem Tod auf, den prägenden Konstanten von Kushanks Lebenswelt. Elendsprosa ist der Roman dennoch nicht, zumindest nicht in erster Linie, und dies liegt an seiner unerhörten Lakonie und Komik. Auch an seiner Mitleidlosigkeit.

          Demütigungen", heißt es einmal, "blinder oder ,aufgeklärter' Glaube, Hokuspokus, schwarzgebrannter Fusel, Schmiergelder, Korruption, Schmutz, totale Resignation und Tod - lauter Dinge, die der Inder an sich in schier unvorstellbaren Mengen verträgt." Und Kushank, "Bhaus treuer Abendschüler", schließt sich mit ein: "Bei mir war es nicht anders." Man verträgt es nicht nur, man lebt sogar dennoch mit Hoffnungen und Freude. Entsprechend ist die Liebe, allem Jammer zum Trotz, das Hauptthema des Romans. Wir begegnen einer überaus dicken Geliebten von Kushank, eher Fortunas Schwester als sie selbst, ein "lächelndes Butterfässchen". Wichtiger als die mollige Zerstreuung ist die launische, verheiratete Aroti, bei der Kushank sich als fünftes Rad am Wagen fühlt, oder, wie er sagt, "als Knochen im Curry". Seine Liebe zur schönen, aufrechten Chandani endet, weil ihre Familie ihn, der aus "keiner guten Familie" stammt, nicht akzeptiert und er, anders als seine Freundin, sich diesem Urteil beugt, im vollen Bewusstsein seines Verrats: "Auch ich habe oft genug in den Fängen dieser Zwillingsschwestern, Ehre und Scham, gezappelt."

          Kushanks große Liebe ist eine rätselhafte Frau, die ihn vor Jahren verlassen hat und heute in Amerika lebt. Sie schrieb ihm einmal einen wunderschönen Liebesbrief, während er ihr uferlose, überbordende Episteln sandte, die von allem handelten, nur nicht von ihm und ihnen beiden. Nun, Jahre nach ihrem Abschied, viel zu spät also, repliziert er mit seinem wuchernden Liebesbrief - denn nichts anderes ist der Roman, der sich oft direkt an die Namenlose richtet. Das dient dem Leben nicht mehr, aber der Literatur. Eine Sterbende sagt dem jungen Schriftsteller voraus, er werde ihr Schicksal ausbeuten, indem er über sie schreibe. Der Erzähler dazu: "Jeder Mensch ist ein geborener Zuhälter. Zugegeben, die Ausbeutung von Toten mag eher der Ausnahmefall sein. Und wenn sonst niemand zur Hand ist, schickt man eben sich selbst auf den Strich. Wenn nicht für Geld, dann für Literatur, Kunst und Vaterland oder für sonst eine edle Sache."

          Schließlich gleitet der Roman, eine grandiose Reise durch ein Land von Liebe und Schmerz, auch für seinen Helden in die Gewalt ab, unvermittelt, und endet in ihr. Als hätte Nagarkar 1974 schon geahnt, dass in Indien wenig besser, aber vieles schlimmer kommen werde. Gandhi, Symbol der Gewaltlosigkeit, taucht im Buch beiläufig auf: Sein "zahnloses Lächeln" blickt von einem Porträt. Als bissfest erweisen sich hingegen Brutalität und Unterdrückung. Sie sollten auch Kiran Nagarkar selbst treffen. Bedroht und der Blasphemie bezichtigt, verstummte er bald nach seinem Debüt und schlug sich als Werbetexter durch. Erst 1994 fand er zum Schreiben zurück. Auch wenn dies eine traurige Geschichte ist und Nagarkar überhaupt meist Trauriges erzählt: Wir können froh sein, dass wir ihn haben.

          Kiran Nagarkar: "Sieben mal sechs ist dreiundvierzig". Roman. Aus dem Marathi, Hindi und Englischen übersetzt von Ditte und Giovanni Bandini. A1 Verlag, München 2007. 357 S., geb., 22,80 [Euro].

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