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Roman „Schwarzer September“ : Ein volles Jahrzehnt liegt in Fetzen da

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Die PLO kontrollierte in den frühen siebziger Jahren das Elendsviertel Karantina in Beirut. Christliche Milizen stürmten es am 18. Januar 1976 und richteten ein Massaker unter der Bevölkerung an. Die genaue Zahl der Opfer ist unbekannt, man schätzt sie aber auf mehr als tausend Tote. Bild: Ullstein

So entstand, womit wir jetzt leben müssen: Sherko Fatahs multiperspektivischer Roman „Schwarzer September“ erzählt von den Wurzeln des heutigen Terrorismus.

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          Eingerahmt wird dieser Roman von zwei Schreckenstaten. Das erste Kapitel spielt im November 1971. Der jordanische Premierminister schreitet auf den Eingang des Sheraton Hotels in Kairo zu, er sinnt über die letzten Monate nach, die harte Entscheidungen von ihm verlangten. Er schaut auf den Nil, genießt den „Anblick des großen alten Stroms“, um kurz darauf von Kugeln durchsiebt zu werden. Einer der Attentäter kniet nieder, um das Blut des Premierministers vom Fußboden zu lecken. Ein Jahr zuvor hat der Politiker die Palästinenser unter Massakern aus ihren Rückzugsgebieten in Jordanien vertreiben lassen – im Zuge des „Schwarzen September“, des jordanischen Bürgerkriegs.

          Knapp vierhundert Seiten später rammt ein mit einer Tonne Sprengstoff beladener Lastwagen die amerikanische Botschaft von Beirut. Eine gewaltige Explosion bringt am 18. April 1983 das Gebäude zum Einsturz, 63 Menschen sterben. Die Terrorgruppe „Heiliger Krieg“ bekennt sich zu dem Anschlag. Islamistische Selbstmordattentate in dieser Größenordnung hat es bisher nicht gegeben. Es ist der Beginn von etwas Neuem.

          „Wer immer ihr auch seid – wir sind die Partei Gottes“, lautet der letzte Satz des Romans. Er wird gesprochen von einer seiner Hauptfiguren, Ziad, einem intelligenten, hellwachen jungen Palästinenser, der nach einer Kindheit im Flüchtlingslager als Laufbursche des Terrorismus beginnt, sich in Paris die ersten Sporen verdient, später im Libanon als Doppelagent auch für die CIA arbeitet, am Ende aber unter dem Einfluss eines charismatischen Imams zum Gotteskrieger und Mitorganisator des verheerenden Anschlags wird. Der Roman beschreibt die Jahre zwischen 1970 und 1983 als Wendezeit des Terrors. Nicht länger mit europäischen Vordenkern wie Marx oder Lenin soll die revolutionäre Gewalt begründet werden, weil dies eine Form der geistigen Kolonisierung wäre. Sie soll von Ideen aus heimischem Anbau, also vom Konzept des Heiligen Kriegs inspiriert sein. Statt hedonistischer Jetset-Terroristen wie dem „schwarzen Prinz“ Ali Hassan Salameh, der die Gruppe „Schwarzer September“ anführte, die 1972 das Münchner Olympia-Attentat verübt hatte, übernehmen nun ernste, gottesfürchtige Männer das Kommando.

          Ein Roman der Konspiration

          Der Roman spielt in Paris, Frankfurt und Bagdad, vor allem aber in Beirut. Die Stadt taumelt auf den Bürgerkrieg zu. Die Straßen um den Flughafen sind bereits von MG-Nestern und ausgebrannten Autowracks gesäumt. Der libanesische Bürgerkrieg, in dem sich eine Vielzahl von Milizen, Allianzen, Konfessionen und internationalen Interessen ineinander verstrickte, ist berüchtigt für seine Unübersichtlichkeit.

          Sherko Fatah: „Schwarzer September“. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2019. 382 Seiten, gebunden, 22,– €.

          Der 1964 in Ost-Berlin geborene Schriftsteller Sherko Fatah, der sich inzwischen mit einem halben Dutzend Romanen als bester literarischer Nahostspezialist unter den deutschen Autoren ausgewiesen hat, ist jedoch nicht angetreten, um eine trügerische Ordnung über die wirre Wirklichkeit zu stülpen. Zwar ist „Schwarzer September“ in luzider Sprache geschrieben und weist viele historisch identifizierbare Figuren und Geschehnisse auf, in der Grundanlage aber ist es ein Roman der Konspiration. Wir sehen so viel, wie die Figuren sehen, und deren Sicht ist auf je eigene Art beschränkt. Die verengte Perspektive ist ein Mittel dieses Autors. Zuletzt hat er einen klaustrophobischen Roman („Der letzte Ort“) über ein deutsches Entführungsopfer im Irak geschrieben, das die Welt gleichsam durch die Ritzen eines Holzverschlags wahrnahm.

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