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: Ein Genie aus dem Morgenland

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Bevor das Geheimnis des Kalligraphen gelüftet wird, müssen wir jedoch noch einige Runden durch den Souq drehen und immer wieder für ein Geschichtchen haltmachen, denn das Plaudern und Anekdotensammeln, das langsame Zusammensetzen des Romans, ist die eigentliche Kunst dieses orientalischen Meisters der deutschen Sprache. Wirkte in Schamis letztem Roman, "Die dunkle Seite der Liebe", noch mancher Bösewicht holzschnittartig und so mancher Gutmensch allzu engelsgleich, so bekommt nun jeder noch so kleine Held Leib und Seele, Fleisch und Blut. Das mag auch daran liegen, dass Schami für diesen Roman die politische Dramatik einer Diktatur bis auf die letzten Seiten umschiffte und auch der Kampf der Kulturen ziemlich in den Hintergrund tritt. Ein Christ schaffte es in der beschriebenen Ära immerhin in höchste Staatsämter, und muslimische Kalligraphen verdienten Unsummen mit der Beschriftung von Kirchen.

Zunächst aber geht es um die Liebe unter widrigen Umständen, die ziemlich facettenreich sein können: Der arme christliche Romeo und seine muslimische Julia sind nur eine Spielart davon, sozusagen der Klassiker. Der junge Salman, der sich anfangs in einem Café verdingt, wird Zeuge der unglücklichen homosexuellen Liaison seines Brotgebers mit einem Bodybuilder, die später im Buch noch eine verhängnisvolle Rolle spielen soll. Und während Nassri Abbani die Frauen schlechthin liebt, wenn auch immer eine andere, liebt die Edelhure Asmahan, die Abbani zu ihren Kunden zählt, ihre Unabhängigkeit und die Kalligraphie, womit sich der Kreis wieder schließt.

Vermutlich scheiden sich bei Schami die Geister, sein der mündlichen Erzähltradition verpflichteter naiv-unschuldiger Plauderton - tatsächlich soll er sich den Roman an einem italienischen Strand erst einmal selbst laut erzählt haben - ist gewiss nicht jedermanns Sache. Doch wer sich auf den Duktus dieser orientalisierten deutschen Sprache erst einmal einlässt, wird daran sein Vergnügen finden. Für Salman, den wissbegierigen Lehrling, sind die Buchstaben und Wörter nicht nur ein Handwerk, sondern sie stoßen eine Tür auf aus der Enge einer ärmlichen Herkunft. Vom Meisterschüler zum Meister ist es naturgemäß auch in der Kalligraphie ein weiter Weg. Fleiß, Wissbegier und Charme decken sich nicht zwangsläufig mit Genialität, und Genies, das gilt auch im Morgenland, haben es selten leicht im Leben.

Am Ende erweisen sich all die Geschichten lediglich als Ouvertüre aus dem Orchestergraben für den großen Soloauftritt des Romans. Nachdem Salman mit seiner Geliebten entschwindet und Farsi für seine Rache am falschen Widersacher lebenslang hinter Gitter muss, holt Schami tief Luft und erzählt die Geschichte des unsympathischen Kalligraphen noch einmal ganz von vorn als die eines mutigen Reformers. Jetzt erscheint der mürrische Schönschreiber als würdiger Erbe des großen Ibn Muqla, der schon wenige Jahrzehnte nach Mohammeds Tod die arabische Schrift zu erneuern suchte und dafür teuer bezahlte. Der Universalgelehrte diente drei Kalifen als Premierminister, was ihn nicht davor bewahren konnte, dass ihm die Reinheitsapostel des Islam die rechte Hand abhacken ließen. Als er sich daraufhin das Schreibrohr an den Armstumpf binden ließ, sollte es noch schlimmer kommen. Vor Eingriffen ins Regelwerk der Wörter haben die Mächtigen und Machthungrigen der islamischen Welt immer Angst gehabt, denn sie gaben und geben gern vor, im Namen des Allmächtigen zu handeln. Selbst zaghaften Reformversuchen haftete stets der Geruch der Häresie an. Farsi und seine Kunst erleben auch hinter Gittern noch ein Auf und Ab, je nachdem, wie traditionsbeflissen oder kulturdefätistisch die Machthaber sind.

Mit dieser Künstlerlegende schlägt der Autor einen großen Bogen zwischen der schönen, aber eben auch erstarrten Sprache des Korans und der Reformunwilligkeit in den politischen Systemen der islamischen Welt. Gleichzeitig bricht er eine Lanze für Differenz und Toleranz, denn wie sein Held Hamid Farsi, was so viel heißt wie aus Persien stammend, besitzt jede Kultur und jede Religion viele Gesichter.

- Rafik Schami: "Das Geheimnis des Kalligraphen". Roman. Hanser Verlag, München 2008. 460 S., geb., 24,90 [Euro].

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