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: Ein flüchtig verleimter Mensch

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M. Blecher wurde 1909 als Sohn von Fabrikbesitzern in Rumänien geboren. In Paris studierte er Medizin, erkrankte mit 19 an Knochentuberkulose und verbrachte ein qualvolles Leben in Sanatorien. Manche Bücher gehen merkwürdige Wege. Verschwinden für lange Zeit, niemand kennt ihren Titel, niemand den Namen ihrer Schöpfer, bis auf ein, zwei Kundige vielleicht.

          M. Blecher wurde 1909 als Sohn von Fabrikbesitzern in Rumänien geboren. In Paris studierte er Medizin, erkrankte mit 19 an Knochentuberkulose und verbrachte ein qualvolles Leben in Sanatorien. Manche Bücher gehen merkwürdige Wege. Verschwinden für lange Zeit, niemand kennt ihren Titel, niemand den Namen ihrer Schöpfer, bis auf ein, zwei Kundige vielleicht. Und wenn sehr viel Glück zusammenkommt, dann ist unter diesen wenigen Kundigen einer mit Mut und Überzeugungskraft und großem Willen, und dann kann es sein, daß ein Buch, das eigentlich für immer schon verschwunden war, erscheint. Bei den Büchern des jüdisch-rumänischen Schriftstellers M. Blecher, der sich in Briefen Max oder Marcel nannte, als Schriftsteller aber einfach M., ist genau das passiert. Nach Erscheinen seines ersten Romans vor siebzig Jahren, von Eugène Ionesco begeistert besprochen, wurde sein Name und wurden seine Bücher in den Jahren darauf unter den Nazis und später unter den Kommunisten aus den Erinnerungen gelöscht. In der kurzen Phase des Tauwetters Anfang der siebziger Jahre wurde der Roman "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit" in Rumänien wieder veröffentlicht, kurz darauf gab es eine Übersetzung ins Französische, und 1990 erschien das Buch, fast unbemerkt, in der Übersetzung von Ernest Wichner, bei der Berliner Edition Plasma auf deutsch. Und wieder vergingen viele Jahre, bis das Buch 2003 erneut, diesmal in der Bibliothek Suhrkamp, erschien und endlich auch in Deutschland erstaunt und begeistert wahrgenommen wurde.

          Jetzt erscheint M. Blechers zweiter Roman, "Vernarbte Herzen", erneut in der Übersetzung des großen Blecher-Kämpfers Ernest Wichner bei Suhrkamp. Es ist ein Sanatoriumsroman aus dem französischen Kurort Berck in den frühen dreißiger Jahren, die Geschichte einer schrecklichen Krankheit, der Knochentuberkulose, an der die Patienten buchstäblich zu zerbrechen drohen, die Geschichte einer großen Einsamkeit und eines Welt- und Sprachverlustes, eine Geschichte der Angst.

          Und es ist vordergründig auch die Geschichte Blechers selbst, der aus der rumänischen Provinz nach Paris gekommen war, um dort Medizin zu studieren, nach kurzer Zeit an Knochentuberkulose erkrankte und den Rest seines Lebens in Sanatorien verbrachte. Blecher wurde nicht einmal dreißig Jahre alt. Den Roman "Vernarbte Herzen" hat er 1937, mit 28 Jahren, vollendet, ein Jahr später war er tot. Der Roman beginnt vor der Erkenntnis über den eigenen Gesundheitszustand, der Held, er heißt Emanuel, ahnt sein Schicksal nur, als er in der Praxis eines Spezialisten sitzt: "Die Fische glitten weiterhin traurig durch das trübe Licht. Es war soviel Schweigen und Düsternis im Raum, soviel Stille, daß Emanuel nichts einzuwenden gehabt hätte, wenn dieser Zustand ewig gewährt hätte. Im Gegenteil, er hätte ihn ergeben akzeptiert und wäre somit noch lange diesseits der brutalen Wahrheit verblieben, die er vielleicht in wenigen Minuten würde erfahren müssen."

          Und er erfährt sie. Erfährt, daß ihm in der Wirbelsäule ein Stück Knochen fehlt. "Es ist zernagt worden . . . von Mikroben weggenagt", erklärt ihm erbarmungslos der Arzt. Und alle Sicherheit verläßt den Patienten. Nichts steht mehr fest, wenn selbst der Kopf nicht mehr ganz sicher auf dem Hals befestigt ist: "Gerne hätte er noch vieles gefragt; ob ihm bis zur Pension nicht die Wirbelsäule bersten könne, ob er nicht auf der Straße zusammenbrechen würde, ob sein Kopf nicht von den Schultern fallen und wie die Kugel auf einer Kegelbahn über den Bürgersteig rollen könne. Seit einigen Minuten hatte er das Gefühl, nur sehr flüchtig verleimt worden zu sein."

          Das ist der Grundton im kurzen Leben und Schreiben des Schriftstellers M. Blecher. Diese grundsätzliche Unsicherheit gegenüber dem Leben. In jedem Moment kann alles geschehen, die Erde kann sich auftun und alles verschlingen, der Kopf kann verlorengehen, man selbst zu Staub zerfallen. In autobiographischen Aufzeichnungen, die man nach seinem Tode fand, beschreibt er dieses Grundgefühl ganz ähnlich. Die Zeit vor der Diagnose. Und die Zeit danach: "Ich war gut verleimt und bildete ein wohlgefügtes und konsistentes Ich-Selbst, mit Gefühlen, die Namen hatten, und Träumen, die sich erzählen ließen. Ich war das, was man einen Menschen nennt, der sein Leben lebt und es versteht. Der also versteht, was er für den Sinn des Lebens hält. Und eben diese Solidität des Bewußtseins, die sich in der Krankheit noch hätte verstärken müssen", fährt er fort, "diese Luzidität der inneren Urteile war es, die in mir zusammengebrochen ist und mich als denjenigen zurückgelassen hat, der ich bin, einen Menschen, der sein Leben lebt und nichts von dem, was um ihn herum geschieht, versteht, etwas durcheinander, leicht betäubt im Ereigniswirbel der Welt, ohne Gefühle, ohne Schmerz und Freuden."

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