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: Ein Buch ruft "Hilfe!"

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Warum dieses Buch im normalen literarischen Programm des Piper Verlags erscheint, ohne Verweis auf seine wahre Zielgruppe - das können wohl nur die Marketing-Strategen des Hauses sagen. Die Lektüre jedenfalls gibt dazu keinen Aufschluß; sie vertieft die Fragwürdigkeit dieser Entscheidung. Der Roman "Rettet ...

          Warum dieses Buch im normalen literarischen Programm des Piper Verlags erscheint, ohne Verweis auf seine wahre Zielgruppe - das können wohl nur die Marketing-Strategen des Hauses sagen. Die Lektüre jedenfalls gibt dazu keinen Aufschluß; sie vertieft die Fragwürdigkeit dieser Entscheidung. Der Roman "Rettet Markitta" von der norwegischen (aber auf deutsch schreibenden) Autorin Dagny Larsen richtet sich so eindeutig an ein Publikum im Alter zwischen zwölf und siebzehn Jahren, daß kaum ein zielgerichteterer Einsatz von Werbemaßnahmen denkbar gewesen wäre.

          Worin mag also der Grund bestehen, daß dieses Buch im allgemeinen Erwachsenensortiment gelandet ist, wo es mit dem neuen Roman von Per Olov Enquist oder einem alten von Carl Jonas Love Almqvist konkurrieren muß - um nur die prominentesten skandinavischen Autoren zu nennen? Zunächst wird der Grund in der Hoffnung liegen, einen generationenübergreifenden Bestseller zu lancieren. Haben nicht genug Jugendbücher einen nicht unerheblichen Teil ihrer Käufer unter Erwachsenen gefunden? "Harry Potter" ist da nur das erfolgreichste Beispiel, und als neuerer Beleg dient die "Artemis Fowl"-Serie von Eoin Colfer.

          Diese Bücher eint das Thema des Phantastischen, und das haben sie wiederum mit "Rettet Markitta" gemeinsam. Dagny Larsen erzählt die Geschichte eines Buchs, dessen Handlung als Hilferuf von der visländischen Prinzessin Markitta aus ihrem mythischen Land in das moderne Norwegen gesandt wird, wo plötzlich alle, die mit dem Buch als Autor, Verleger, Händler oder Leser in Berührung gekommen sind, unheimliche Begegnungen erleben, deren Folgen bis zum Mord gehen. Bald ist kein Exemplar des Buchs, das ebenfalls den Titel "Rettet Markitta" trägt, mehr zu finden. Der letzte Leser und Besitzer, ein an Kinderlähmung leidender Junge im Alter von etwa vierzehn Jahren namens Erik, macht sich angesichts der seltsamen Ereignisse rund um seine Lieblingslektüre auf, das Rätsel von deren Entstehung zu ergründen. Unterstützt wird er dabei von der gleichaltrigen Trolla und der schon achtzehnjährigen Anna-Lisa. Doch je tiefer sie in die Geheimnisse der Handlung von "Rettet Markitta" eindringen, desto schneller ändert sich diese.

          Im wirklichen Roman "Rettet Markitta" ist das nicht anders. Dagny Larsen hat den alten romantischen Kunstgriff vom Buch im Buch mit ähnlicher Intention wiederaufgenommen, wie es zuletzt Jasper Fforde in den Romanen um die Agentin Thursday Next gemacht hat. Man mag es Zufall nennen, daß vier Jahre nach dem Erscheinen des englischen Originals von Ffordes erstem Buch nun eine (angebliche) Debütantin eine ziemlich ähnliche Geschichte erzählt, aber vielversprechende Erzählmuster sind nun einmal nicht patentierbar.

          Das gilt auch für andere Elemente von "Rettet Markitta". Dagny Larsen hat mit ihrem jungen Heldentrio, das sich schließlich noch um einen Erwachsenen, den Polizeikommissar Sven Stollvær, zum Quartett erweitert, einen ganzen Strauß von Identifikationsangeboten für junge Leser beisammen - und keinen geringen Reiz dürfte dabei die Andeutung der erotischen Faszination ausmachen, die Anna-Lisa auf Stollvær ausübt. Was für erwachsene Leser in der Monotonie des Schwärmens rasch ermüdend wirkt, bedeutet für Jugendliche einen speziellen Kitzel, der den jungen Helden des Buches besondere Attraktion verleiht.

          Neben der Suche des Kleeblatts nach den Ursprüngen von "Rettet Markitta", die schließlich Erik, Trolla und Stollvær nach Visland führen wird, wo sie endgültig Teil von dessen Handlung werden, erzählt Dagny Larsen parallel den Inhalt des ominösen Buchs. Dabei gelingen die Anschlüsse der beiden Geschichten meist wenig bravourös. Am Ende wird der Roman zu einer wilden Mixtur aus Abenteuer- und Filmklischees. Aber die Möglichkeit der Verschränkung von fiktiver und realer Handlung wird geschickt ausgereizt. Daß die Figuren oftmals Abziehbildern gleichen, gerät angesichts der spannenden Suche und der Not Prinzessin Markittas in den Hintergrund, und wer will, kann Visland auch als jugendgerechte Darstellung eines totalitären Staates sehen.

          Diese plausible politisch-historische Lesart unterscheidet das Buch in der Ernsthaftigkeit seines Bemühens vom Gros der derzeit gängigen Jugendliteratur. Und auch die am Schluß ganz beiläufig inszenierte Infragestellung des bisher Berichteten ist ein gelungener Kunstgriff. Er läßt auch die Frage zu, ob es die Autorin Dagny Larsen überhaupt gibt, die als mehrfache norwegische Skimeisterin ausgewiesen wird, wofür sich aber keine Bestätigung finden läßt. Der Name wird ein Pseudonym sein. Aber das berührt Mängel wie Qualitäten des Buchs nicht. Daß seine spezifische Erzählhaltung es für erwachsene Leser wenig attraktiv machen dürfte, wird nur dem Verlag selbst leid tun, der die Chance versäumt hat, einen vielversprechenden Titel an das Publikum zu bringen, für das er maßgeschneidert erscheint. Aber in dieser Zielgruppe ist Mund-zu-Mund-Propaganda auch nicht zu verachten.

          ANDREAS PLATTHAUS

          Dagny Larsen: "Rettet Markitta". Roman. Piper Verlag, München 2005. 308 S., geb., 18,90 [Euro]. Ab 12 J.

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