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Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River : Alle Ordnung ist nur auf Bewährung

  • -Aktualisiert am

Bild: Manesse Verlag

Das Leben einer Frau ähnelt einem Haus mit vielen Zimmern. Edith Whartons großer Roman bietet Stoff genug, sich im Glück des Lesens zu verlieren.

          4 Min.

          Denkwürdigen alten Häusern sind wir in Romanen und Erzählungen oft begegnet, auch wenn sie nicht in jedem Fall, wie bei Emily Brontës „Wuthering Heights“, zugleich deren Titel stellen. Immer aber prägen sie sich ein, weniger als bloßer Schauplatz oder Ort der Handlung, sondern als machtvoller Handlungsträger, der das Schicksal sämtlicher Figuren, die sich in seinem Bannkreis fasziniert bewegen, auf unergründliche und oftmals unheimliche Weise lenkt. Zu solchen Häusern zählt der alte Landsitz „Manderley“, von dem die namenlose Ich-Erzählerin in Daphne du Mauriers „Rebecca“ immer wieder träumen muss, oder auch das schreckensreiche „House of Usher“, das im Zentrum von E. A. Poes gleichnamiger Erzählung steht.

          In „Ein altes Haus am Hudson River“ von 1929, dem großen Roman ihres Spätwerks, führt uns Edith Wharton nun in die sorgsam kultivierte Variante eines solchen Schicksalshauses. Herzstück von „The Willows“ - so sein Name - ist keine Schreckenskammer oder Grabkapelle, sondern die Bibliothek, ein Hort also der Bildung und poetisch-literarischer Schätze. Und doch scheint es, als lauerten knapp unter dieser ehrwürdigen Schicht aus Dichtkunst und Gelehrsamkeit auch hier die unzähmbaren Mächte aus der Schauertradition und warteten darauf, in das Kulturgehege einzubrechen - wie die wuchernde Kraft der Natur sich jeden Garten irgendwann erneut zu eigen macht. In diesem Haus am Hudson River herrscht alle Ordnung auf Bewährung.

          Ein glückloser Protagonist

          Tatsächlich findet auch Vance Weston, der jugendliche Held aus der Provinz, dessen kurvenreicher Bildungs- und Bewährungsweg zum Schriftsteller erzählt wird, in dieser Bibliothek sowohl sein Erweckungserlebnis wie zugleich sein Trauma. Hier tun sich ihm die Augen für die Schönheit und Erhabenheit von Dichtung auf, hier trifft er eine reife Frau, die ihm die Türen in die Welt des Geistes öffnet, hier sucht er Einkehr und gewinnt Inspiration für seine Arbeit. Doch zugleich hintergeht er hier die eigene Familie, betrügt die junge Ehefrau und muss sich auch noch gegen völlig ungerechtfertigte Beschuldigungen zur Wehr setzen, die dazu führen, dass ihm der Zugang zum Haus lange Zeit verboten bleibt. Die Austreibung aus dieser Bibliothek führt ihn daher in die Welt und verschiebt zugleich den Horizont dieses Romans, der sich dadurch zu einem großen Panorama der Roaring Twenties in New York weitet.

          Vance stammt aus einem Neubauvorort im Mittleren Westen namens Euphoria, wo man den Status seiner Nachbarn an Merkmalen wie Telefon und Rasenmäher misst und wo sein Vater es durch Immobiliengeschäfte zu Ansehen und Geld gebracht hat. Vance jedoch interessiert das alles nicht: Er will Gedichte schreiben und die Macht der Sprache, die in seinem Umfeld allenfalls für evangelikale Predigten geschätzt wird, zu seiner eigenen Sache machen. Nach einer schweren Krankheit wird er zur Erholung aufs Land zu Verwandten geschickt, die in der Umgebung von New York in recht ärmlichen Verhältnissen hausen und ihn doch bald mit gänzlich anderen Welten in Berührung bringen. Durch sie findet er den Weg zum alten Haus am Hudson River und gelangt schließlich auch in jene Metropole, sein Gelobtes Land, wo die Erfüllung seines Traums vom freien Schriftsteller- und Künstlerleben unmittelbar bevorzustehen scheint. Doch immer, wenn er sich dieser neuen Existenz zum Greifen nahe fühlt, misslingt ihm etwas, strauchelt er oder erleidet unverschuldet einen Rückschlag, zumeist weil er das Ränke- und Intrigenspiel der gerissenen Großstadtgesellschaft nicht durchschaut. Halb tumber Tor, halb Wunderknabe, muss er stets wieder zurück auf Anfang.

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