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E. L. Doctorow: Homer & Langley : Historische Hausdurchsuchung

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Bild: Kiepenheuer & Witsch

Sie starben in ihrer zugewucherten New Yorker Villa, ihr Leben ist ein urbaner Mythos: In Homer und Langley hat E. L. Doctorow die idealen Helden für eine Besichtigung der Moderne gefunden.

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          Einundfünfzig Tonnen. Und da hatte man gerade mal die Zimmer des ersten Stocks erreicht. Einundfünzig Tonnen Müll, bestehend aus Geschirr und Zeitungen, Instrumenten und Gardinen, Teppichen, Waffen, Möbeln, ein gigantisches Sammelsurium der Zivilisation. Die Polizisten, die 1947 in das Haus in Harlem eindrangen, nachdem ein anonymer Anrufer einen Todesfall gemeldet hatte, mussten noch weitere zweiundfünfzig Tonnen Müll beiseiteschaffen, bis sie Langley Collyer fanden. Er trug einen Bademantel, drei Jacketts und vier Hosen übereinander.

          Am Hals hatte er einen Leinensack befestigt, und dieses Cape, so die Theorie der Beamten, musste den Mechanismus einer der zahllosen im Haus versteckten Fallen ausgelöst haben. Noch knapp vier Meter trennten Langley von seinem Bruder Homer, dem er Essen bringen wollte, als er unter einer Lawine aus Schrott begraben wurde. Homer war zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Tage tot: Der blinde Mann war in dem Gewölbe aus Trash verhungert.

          Ein amerikanischer Mythos

          Die Collyer-Brüder sind ein amerikanischer Mythos, und wie alle modernen Fabelgestalten haben sie ihre Wirkung durch die Medien entwickelt. Die beiden Söhne einer angesehenen New Yorker Patrizierfamilie, geboren 1875 beziehungsweise 1881, lebten die meiste Zeit als spleenige Junggesellen unbehelligt im Haus ihrer Eltern, bis eine Journalistin im August 1938 einen Artikel über eine Maklerin verfasste, die Collyer-Immobilien in Queens erstehen wollte. Weil die beiden Männer strikt jeden Kontakt mit der Geschäftswelt vermieden und auch sonst für gesellschaftlichen Verkehr nicht zur Verfügung standen, spürte die von der Maklerin angestachelte Reporterin einen entfernten Cousin der Collyers auf.

          Der mutmaßte, Homer sei womöglich schon heimlich gestorben, und so kam die Story in Gang. Die imposante Villa mit den beiden kauzigen Hausherren, die nur selten in Erscheinung traten: War da nicht eine Verschwörung aufzudecken? Womöglich hatte man es mit einer Loge zu tun oder einem dekadenten Club, in dem erotische Ausschweifungen auf dem Programm standen. Eine vom frühen Hollywood-Glamour befeuerte Phantasie schloss sich mit dem Quotendruck der entstehenden Massenmedien kurz und kreierte eine der ersten Homestorys aus dem Geist des Voyeurismus. Dass das Haus kein Reporter je betreten hatte, bis es zur Räumung kam, war kein Hindernis: Fakten standen der Wirklichkeit schon immer im Wege.

          Die erfundene Wahrheit

          Es bedeutet eine doppelte Wiedergutmachung, dass sich E. L. Doctorow der Geschichte angenommen hat: Nicht nur, weil der erfundenen Wahrheit des Boulevards nun die imaginierte Einsicht der Fiktion entgegengesetzt wird, sondern auch, weil zwei Figuren der urbanen Legendenbildung aus dem Bereich der Pathologie in die Welt der Kunst und Kultur gerettet werden. Das geht mit einer Rückerstattung von Würde und Integrität einher. Allein deshalb ist „Homer & Langley“ ein bedeutendes, ergreifendes Buch.

          Doctorow, der am 6. Januar achtzig Jahre alt wird, versteht sich auf Geschichte und wie man sie in Literatur verwandelt. Seit seinem epochalen Roman „Ragtime“ überblendet er historische mit erfundenen Momenten. In diesem Roman nun wird eine empirische Vorlage so lange mit Ideen und Abenteuern ausgemalt, bis die Literatur wirklichkeitsdichter und plausibler erscheint als ihr außersprachliches Pendant. Homer und Langley aus der Feder Doctorows sind zwar auch die schrulligen Sammler, die in ihrem Haus die Insignien einer technisierten Gegenwart horten.

          Es gibt in ihrem sich über die Jahre auffüllenden und zuwuchernden Bau Klaviere und medizinische Gerätschaften, Musikboxen und Uhren; sogar ein Auto - das berühmte T-Modell von Ford - gehört zum Fundus. Aber Doctorow porträtiert sie nicht als derangierte Messies, sondern als zwei Archivare, die in ihren Sammlungen die Gegenwart auffächern.

          Verankert in der Geschichte des 20. Jahrhunderts

          Dafür lässt ihnen der Autor auch deutlich mehr Zeit: Im Roman erleben die Brüder die amerikanische Geschichte vom Ersten und Zweiten Weltkrieg über die Koreakrise bis zu Vietnam. Der blinde Homer ist dabei der Ohrenzeuge der Epoche, er lauscht dem Säkulum seinen spezifischen Sound ab. Doctorow entwirft den akustischen Menschen als Seher, eine klare Parteinahme gegen das Sichtbarkeitsdiktat, wie es die Moderne uns seit Erfindung der Bildmedien verordnet hat. Berührend, ja regelrecht innig deshalb die Freundschaft zwischen Homer und Harold, dem Sohn der schwarzen Haushälterin.

          Der junge Mann ist Jazzsaxophonist, und auch wenn der an Bach und Mozart geschulte Bildungsbürger nicht mit ihm improvisieren kann, sind die beiden in der Liebe zum Klang geeint. Dass ausgerechnet dieser Mann später im Koreakrieg fallen wird, bestärkt die Collyers in der Auffassung, dass Geschichte eine Kompilation von Ungerechtigkeiten ist. „Und falls es doch einen Gott gibt“, erklärt Langley, „sollten wir ihm dafür danken, dass er uns seine widerwärtige Schöpfung vor Augen führt und jeden möglichen Rest von Hoffnung auf ein ewiges Leben in blödsinniger Glückseligkeit mit ihm zunichtemacht.“

          Die News von gestern ist die Sensation von morgen

          Ein plumper Nihilist ist er deshalb noch lange nicht, in seinem pessimistischen Furor zeigt sich vielmehr die ganze aufgestaute Energie des enttäuschten Kulturbürgers, der seinen Idealen in inniger Hassliebe verbunden bleibt. Deshalb sammelt Langley auch diese gigantischen Mengen an Informationen. Über Jahrzehnte kauft er täglich Dutzende Zeitungen, sie werden ausgewertet mit dem Zweck, die eine und einzige Ausgabe einer universellen Tageszeitung zu erstellen.

          Gemäß Langleys These, dass sich alles wiederholt und die Ereignisse einer strengen Ersetzungslogik folgen, lässt sich das Weltgeschehen auf ein Kompendium an Berichten und Reportagen kondensieren. Wie wir wissen, ist dieses Blatt nie erschienen, aber die Idee ist bestürzend hellsichtig: Im Mahlstrom der Wiederkehr des Gleichen sind die News von gestern die Sensationen von morgen - und umgekehrt.

          Wenn die Zukunft einerseits nur eine Spur ist, die in die Vergangenheit führt und sich andererseits im Vergangenen die Zeichen des Kommenden bündeln, dann ist die Sammlung eine prophetische Apparatur. Homer und Langley, wie Doctorow sie uns zeigt, verschanzen sich in ihrem Mausoleum des Wissens, bis sie selbst zu Artefakten ihrer Zeitgeistkollektion werden.

          Ein Sisyphos am Fuß eines Müllbergs

          Sich derart aufzuladen mit Geschichte ist ein schmerzhafter Prozess, er führt in die Einsamkeit. Am Ende verwandelt sich selbst die tonnenschwere Materialität der Sachen in einen Spuk des Bewusstseins. „Ich betaste meine Schreibmaschinen, meinen Tisch, meinen Stuhl, um die Gewissheit einer festgefügten Welt zu haben, in der es nicht die unendliche Leere des Denkens ohne Substanz gibt.“ Diesen Punkt existentieller Haltlosigkeit mutet Doctorow seinen Figuren und uns, den Lesern, zu.

          Gibt es eine Rettung? Aus dem Roman hinaus führen jedenfalls nur die Bilder der Medien. Ein historisches Foto zeigt einen Polizisten bei der Räumung des Collyer-Hauses, er schaut in einen zugemüllten Treppenschacht. In der Hand hält er hilflos einen Kasten mit Papieren. Wie ein Sisyphos steht er am Fuß dieses Müllbergs, den aufzutürmen nur wahre Helden - Helden der Literatur - imstande sind.

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