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E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ : Da hat der böse Wolf jetzt aber ein Problem!

  • -Aktualisiert am

Reader und Bücher können da nicht mithalten: Enhanced E-Books ergänzen den literarischen Text mit Audios und Videos. Bild: dpa

Sechzehn junge Autoren befassen sich in einem oft poetischen, schier unendlichen E-Book mit der Geburt der Zukunft aus der abgeschmierten Gegenwart.

          Das erste Automobil, der 1885 entwickelte Benz Patent Motorwagen Typ 1, der wie eine Kreuzung aus Fahrrad, Rollstuhl und Kutsche anmutete, erreichte bei 0,75 Pferdestärken eine Spitzengeschwindigkeit von sechzehn Stundenkilometer. Die Jogger wurden blass. Kann es sein, dass wir uns bei der Entwicklung des elektronischen Publizierens an einem ähnlichen Punkt befinden? Das glauben zumindest Malte Abraham, Chris Möller und Sven Schaub, die nun ein E-Book vorgelegt haben, mit dem sie die Grenzen dieser Form der Literaturvermittlung austesten.

          Enthalten sind vornehmlich Beiträge junger deutschsprachiger Autoren – das erklärt sich schon aus der Genese: Das Projekt ist ein Ableger der Berliner Lesereihe „Kabeljau & Dorsch“ –, aber diese kommen nicht isoliert daher, sondern werden zusätzlich inszeniert, meist als Lesung oder Audio-Komposition. Ergänzend enthalten sind von den Texten inspirierte Bilderstrecken, Comic-Adaptionen oder Videos, die den Zuschauer in die junge Literaturszene mitnehmen. Allerdings zwingen die multimedialen Ausdrucksformen und das schiere Datenvolumen die meisten E-Reader sofort in die Knie. Dieses „Enhanced E-Book“ ist für Smartphones oder Tablets gedacht, für die nächste Generation des motorisierten Lesens also.

          Gefährlichen Unterströme des Alltags

          Erfreulich ist die berührungsangstfreie Mischung aus Lyrik sowie erzählender, artistischer und dramatischer Prosa. Mal geben sich die Texte kokett naiv, mal verspielt, mal abgezockt. Auch angestrengt Avantgardistisches findet sich. Was aber allen Beiträgen gemeinsam ist, ist die Freude an der sprachlichen Durchformung. So spürt Jan Skudlarek in seinem Gedicht „Salvatorische Klauseln“ dem Messianischen in der zwischen Sicherheitsversprechen und Fachchinesisch zerriebenen Neomoderne nach. Skudlarek vernäht die Floskeln der effizienzoptimierten Gerätegeneration („immer gut für ein Consulting“) zu neuen Harmonien: „Powerpoint-Vorträge, Palimpseste aus den Vorträgen / unserer Vorväter; Christus studiert / seinen Aufhebungsvertrag“. Mit einem Mal sieht man, wie sehr der Jargon, der unseren Alltag prägt, immer noch auf ein Heilsverlangen antwortet. So wurden immer schon Götter hergestellt, Angstfeuerlöscher.

          Die gefährlichen Unterströme des Alltags freizulegen, das Wegziehen des vermeintlich sicheren Bodens unter den Füßen, ist die Strategie mehrerer Beiträge. Bei Maren Kames wird eine meditative Versenkung in die Gedanken des Polarforschers Richard Evelyn Byrd zum Protokoll einer Selbstauflösung des Zivilisatorischen. Gerhild Steinbuch, die den Märchenkanon durch den Fleischwolf dreht, behandelt Dornröschens Schlaf als fast gelungenen Fluchtversuch: „Da hat der Wolf jetzt ein Problem, Pech gehabt Pech gehabt“. Aber dann finden die Albträume doch noch einen Weg durch die Ritzen.

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          Ein Auszug aus Thomas Köcks „Klimatrilogie“ präsentiert uns die Globalisierung als wortmächtig anrollende Sintflut vom Paradiese her, als finale Weltenvermischung. Auf eigene Weise schließt daran Robert Wenrichs allegorischer Kurzroman an, der mehr eine Skizze ist, aber als Cut-up-Remix aus den Narrationen der klassischen Moderne eine gute Figur macht. Ein Kutscher, seinerseits vom Teufel geritten, steigt darin zum gewissenlosen Großkapitalisten auf und muss sich dem eigenen Sohn stellen. Isabel Walters Dystopie hingegen erweist sich als Tiefenbohrung in die virtualisierte Gesellschaft. Alles ist hier hinter Projektionsflächen verschwunden. Und doch findet sich ganz im Inneren auch das Widerständige, eine ätherleichte Liebe nämlich, die zur Abwendung vom großen Bildertrug führt: „Ihr wollt an das große Programm. Ihr wollt es durchlöchern. Ihr wollt, dass man die Stadt sieht, zumindest phasenweise.“

          Hier ist ein Anfang gemacht

          Was man zu sehen bekäme, wäre vielleicht jene von untergründigen Verwerfungen durchgerüttelte Metropole, die uns Sascha Hargesheimer so liebevoll wie lakonisch ausmalt. Das Fracking ist schiefgegangen, und während die Stadt von Rissen durchzogen wird, blubbert auch der vor langer Zeit an sich selbst erstickte Wunsch, dass alles anders, heller, besser werde, noch einmal an die Oberfläche. Aber für Hoffnungen ist es zu spät: „ich glaube es hat nicht gereicht für uns“. Es bleibt nur das gemeinsame Bad und der Föhn, den man hineinfallen lässt. Ein bisschen viel Verzweiflung ist das schon. Da tut es gut, dass wenigstens der Lyriker Ron Winkler nicht gleich den Weltuntergang besingt. Als hätte er den Quellcode unserer Kommunikation gehackt, vermag er Stimmungen punktgenau einzufangen, ohne auf offiziell zugelassene, abgeschliffene Formulierungen zurückzugreifen: „du bist so flauscher Rausch, führst mich an / dir aus, wir haben beide / Flimmernellen fast, sind wie verstrangt“. Wer je verliebt war, weiß, dass es sich exakt so anfühlt.

          Es gibt auch schwächere Texte in diesem Mega-E-Book, eine Demenzphantasie etwa, einen Auszug aus einem in Anglerlatein erstarrten Sterbender-Großvater-Roman von Matthias Jügler oder jene Anekdote über einen Hotelgast, der sich zum eigenen Erstaunen plötzlich für einen Job als Zimmerjunge bewirbt. Es sind mutige Beiträge, weil sie sich, Geschichten erzählend, nicht hinter einer mitunter doch leicht kapriziös erscheinenden Avantgarde-Pose verstecken. Es fehlt nur jede Erzählnotwendigkeit, weshalb das Ergebnis etüdenhaft wirkt. Der stärkere Einwand betrifft jedoch die Inszenierungen, denn es ist nicht wirklich ersichtlich, dass die bild- und tonkünstlerischen Beschäftigungen mit den Texten über das Illustrative hinausgingen. Weder diskutieren sie das Geschriebene, noch stellen sie Bezüge zwischen den Beiträgen her oder eröffnen Freiräume.

          Und doch ist hier ein Anfang gemacht. Es beeindruckt, dass junge kunst- und technikaffine Menschen an die ästhetischen Möglichkeiten dieser immer noch neuen Veröffentlichungsform glauben. Anders kann Fortschritt nicht entstehen. Vielleicht wird aus dem Aufsitzrasenmäher E-Book ja doch noch ein pfeilschnelles Cabriolet.

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