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: Dreihundertfünfzig Fragen, die niemanden etwas angehen

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Vor elf Jahren, als T. C. Boyle etwa die halbe Wegstrecke von der heißen Kultfigur in der Nachbarschaft eines Chadwick oder Gibson zum coolen Kritikerliebling auf Augenhöhe mit Paul Auster oder Don DeLillo zurückgelegt hatte, durfte ihn "Mondo 2000", die klügere, weniger technotrottelig kleinkarierte ...

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          Vor elf Jahren, als T. C. Boyle etwa die halbe Wegstrecke von der heißen Kultfigur in der Nachbarschaft eines Chadwick oder Gibson zum coolen Kritikerliebling auf Augenhöhe mit Paul Auster oder Don DeLillo zurückgelegt hatte, durfte ihn "Mondo 2000", die klügere, weniger technotrottelig kleinkarierte und inzwischen leider eingegangene Cousine der Zeitschrift "Wired", zu seinem Literaturverständnis und zum Umgang mit zeitgeschichtlichen Stoffen befragen. Boyle hatte glücklicherweise gerade seinen entspannten Tag und gab zu Protokoll: "Ich bin kein James Michener oder irgend so ein traditioneller historischer Romancier, der sich für die Rekonstruktion des Gewesenen interessiert. Ich möchte diese Sachen als Sprungbretter der Vorstellungskraft behandeln, als Abstoßungspunkte für die Untersuchung eines abstrakten Themas. Das ähnelt ein bißchen dem, wie sich Science-fiction-Autoren die Zukunft vorstellen. Es ist so ein Ort. Es ist halt so ein Ding."

          So ein Ding ist auch "Dr. Sex", Boyles neues und über weiteste Strecken gewohnt charmantes und lebhaftes Buch. Es geht darin um das Leben und Wirken jenes Professors Kinsey (oder "Prok", wie er hier - der Spitzname ist historisch verbürgt - neckisch-vertraulich heißt), der mit seinen sexualstatistisch-soziometrischen Forschungen in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren einiges bewegt hat. Je nachdem, wen man in den Vereinigten Staaten der Gegenwart dazu befragt, hat Kinsey entweder a.) in heilsamer Weise die Fassade neobiedermeierlicher Normalität in "God's Own Country" gesprengt und Praktiken aufs Lebensstil-Menü gesetzt, die bis dahin nur im Dunkeln zu sich selbst kommen durften, oder aber b.) pädophilen, homosexuellen Gottesleugnern, Leibvergiftern und Fruchtabtreibern bei ihrem Ansturm auf alles, was den Untergang des Abendlandes noch verhindern kann, nach Kräften assistiert. (Zutreffendes bitte ankreuzen, der Mann liebte Multiple-Choice-Fragebögen.)

          So lang die mitunter breit farcen- und fratzenhafte Geschichte dauert, schlüpft Boyle in die Larve des hochgradig unzuverlässigen Erzählers John Milk, der wohl eher nicht nach der ermordeten Homosexuellen-Ikone Harvey Milk so heißt, sondern vielmehr die Käsigkeit, Homogenität und Pasteurisiertheit der prüden Fünfziger als Nachnamensbuckel mit sich herumschleppen soll. Milk stößt als Helfer und Apostel zur Sexologen-Urgemeinde - "Ich lernte. Von Prok. Vom Meister persönlich. Und ich zuckte nicht zusammen, ich schlug nicht die Augen nieder, mein Gesicht verriet nichts" - und muß trotz vorbildlicher Neugier und Belastbarkeit bald erleben, daß nicht nur die tabellarisch aufbereitete Horizonterweiterung, sondern auch das, "was ich mit Mac und Prok im Bett getrieben hatte", sein Leben neu formatiert, seine emotionale Bindungsfähigkeit in Gefahr bringt.

          Das Ganze ist, wie bei diesem Thema nicht anders zu erwarten, vor allem ein Buch der schönen Stellen. Das sind nicht unbedingt säuische, sondern eher niedlich-peinliche wie jene, in der Boyle beschreibt, daß auch noch die Mutter des Erzählers in den Sog der Sexvermessung gerät wie in einen metabolisch-diskursiven Superstaubsauger: "Prok, nahm ich an, hatte über das Projekt gesprochen und sie wie praktisch jeden anderen davon überzeugt, ihm ihre Geschichte zu erzählen. Die Geschichte meiner Mutter. Am folgenden Tag oder noch am selben Abend würde sie ihm zwei Stunden lang gegenübersitzen und die dreihundertfünfzig Fragen beantworten: Über ihre Masturbationsgewohnheiten, wie oft sie sich selbst bis zum Orgasmus stimulierte und mit welchen Männern sie seit dem Tod meines Vaters geschlafen hatte."

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