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Drei Camus-Biographien : Das Ende kam, als endlich alles hätte beginnen können

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Zum Geburtstag nur das Beste: Gleich drei Biographien deuten Leben und Werk von Albert Camus Bild: F.A.Z.

Verführerisch, gelehrt oder lieber kämpferisch? Iris Radisch, Martin Meyer und Michel Onfray werfen in ihren Büchern sehr unterschiedliche Blicke auf Albert Camus. Rares von ihm selbst gibt es auch.

          Die wesentlichen Fakten sind hinlänglich bekannt. Da ist dieser Junge aus einer sehr armen französischen Kolonistenfamilie in Algier, die Mutter Analphabetin, der Vater an der Marne im Großen Krieg getötet. Der Junge, der nicht einmal ein eigenes Bett zum Schlafen hat, erweist sich als begabt, wird deshalb früh gefördert und entkommt so den ärmlichen Verhältnissen, denen er entstammt. Als sein erstes Buch erscheint, ist er erst 23 Jahre alt.

          Den Einschränkungen durch die frühe Lungenkrankheit zum Trotz und ungeachtet eines Hangs zu Grübelei und Schwermut behauptet er, die Lebenskunst sei ihm in die Wiege gelegt worden. Bei Frauen hat er von früh an außerordentlichen Erfolg. Aufgewachsen unter der Sonne Nordafrikas und nach eigenen Worten mit einer angeborenen Gleichgültigkeit gesegnet, muss er nach seiner Übersiedlung nach Paris, wo er sich nie wohl fühlen wird, feststellen, dass es nicht nur die Sonne, sondern auch die Geschichte gibt, und dass Gewalt und Terror in ihr eine herausragende Rolle spielen. Sein erster Roman, mit dem er nun auch über Algier hinaus bekannt wird, lässt sich als eine Huldigung an die Orte seiner Jugend ebenso wie als Abschied von ihnen lesen.

          Widerstandskämpfer, Frauenheld und obendrein noch ein begnadeter Schriftsteller: Albert Camus (1913 bis 1960) wäre am 7. November einhundert Jahre alt geworden

          Der junge Mann wird zur Zeit der deutschen Besatzung ein spätes Mitglied der Résistance, und seine Worte haben nach der Befreiung großes moralisches Gewicht. Zudem schreibt er den großen allegorischen Roman über die deutsche Besatzung, der ein Bestseller wird. Aus seinen bisherigen Erfahrungen mit der Geschichte versucht er ein Fazit zu ziehen und kommt zu dem Schluss, dass zwischen den großen Ideen der Moderne und der Zunahme von Terror und Barbarei ein Zusammenhang besteht. Diese unter dem Titel „Der Mensch in der Revolte“ veröffentlichte Erkenntnis ist zum damaligen Zeitpunkt geeignet, den nun nicht mehr ganz jungen Mann in den intellektuellen Zirkeln von Paris weitgehend zu isolieren.

          Nach einer Phase der absoluten Arbeitsunfähigkeit gelingt ihm 1956 mit der Erzählung „Der Fall“ noch einmal ein großes Werk, und im Jahr darauf erhält er den Nobelpreis für Literatur. Er kauft ein Haus in Lourmarin in der Provence, und auf der Rückfahrt von diesem Haus nach Paris Anfang Januar 1960 prallt das Auto, gesteuert vom Neffen seines Verlegers, bei Villeblevin im Burgund gegen eine Platane. Albert Camus, 46 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, ist sofort tot und wird zwei Tage später auf dem kleinen Friedhof von Lourmarin beigesetzt.

          Ein Leben, drei Annäherungen

          Drei Versuche, diese Geschichte mit der einen oder anderen Gewichtung und auf dem Hintergrund des letzten halben Jahrhunderts zu erzählen, liegen jetzt zum hundertstem Geburtstag von Camus vor. Einer davon gestikuliert heftig, ein zweiter ist gelehrt und gründlich, und der dritte Versuch verführt uns dazu, Albert Camus selbst zu lesen, als einen Heutigen.

          Michel Onfrays Buch ist im Original schon im letzten Jahr erschienen. Der bekannte Kämpfer gegen Gott, Freud und die akademische Philosophie kämpft hier unverdrossen weiter. Philosophie muss man leben, nicht lehren, weiß er gleich am Anfang, und als Kronzeuge gilt zunächst Kierkegaard (gegen Hegel). Das Buch ist material- und umfangreich; es erzählt zum Beispiel gar nicht so schöne Geschichten über Camus’ ersten und bis ans Lebensende verehrten „Lehrer“, Jean Grenier. Es kämpft mit Verve gegen eine Menge Feinde, tote und noch lebende, von Sartre bis Bernard-Henri Lévy, die Camus’ Ruhm verdunkeln, und mäandert in alle Richtungen. Vor allem aber gilt, was Onfray selbst in der Einleitung über das Buch eines anderen Autors sagt: „Das Buch verrät mehr über den Autor als über dessen Thema.“ Und das auf 560 Seiten.

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