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Drei Camus-Biographien : Das Ende kam, als endlich alles hätte beginnen können

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Das Gerüst für ihre Biographie liefern jene zehn Lieblingswörter, die Camus 1951 in seinem Tagebuch notiert hatte: die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer. In veränderter Reihenfolge dient ihr jedes dieser Wörter als Überschrift eines Kapitels. Das ist nicht ohne Risiko, weil es zu schematischen Zuordnungen führen kann, aber Iris Radisch meistert dieses Risiko mit Bravour.

Ein Europäer der ersten Stunde

Und sie hat manches Neue zu berichten. Dazu gehört, dass das berühmte „mittelmeerische Denken“ keineswegs eine Erfindung von Albert Camus war, auch wenn es bei ihm in den frühen Essays „Hochzeit des Lichts“, die Rowohlt jetzt, mit einem schönen Nachwort von Mirko Bonné versehen, noch einmal aufgelegt hat, einen literarisch beeindruckenden Niederschlag gefunden hat. Die „mediterrane Ideologie“, wie Radisch sie nennt, kursierte in Algier vielmehr schon in den zwanziger Jahren in verschiedenen Zeitschriften, die „Sud“, „Rivages“ oder „Jeune Méditerranée“ hießen. Im Jahr 1932 wurde diese Ideologie zum kulturpolitischen Instrument, als die französische Regierung in Nizza ein „Mittelmeerzentrum“ gründete und seine Leitung einem sehr prominenten Namen anvertraute: Paul Valéry. Ziel solcher Kulturpolitik war „die Neutralisierung Deutschlands durch ein mediterranes Bündnis zwischen dem faschistischen Italien und Frankreich“. Nicht ohne leisen Spott erzählt Radisch von Valérys Besuch bei Mussolini 1933, wo er sich nach dem Befinden des inhaftierten Antonio Gramsci erkundigt und dann zusammen mit dem italienischen Diktator eine pompöse Ausstellung zum Ruhm des italienischen Faschismus besucht.

Die Biographie beleuchtet Camus’ Leben in Paris während der deutschen Besatzung und zeigt auf, dass er erst spät wirklich zur Résistance stößt. In diesem Zusammenhang erfährt die Rolle des Freundes schon aus algerischen Zeiten, Pascal Pia, eine ausführliche und sehr berührende Würdigung. Die Biographin weist auch darauf hin, dass Camus nach dem Krieg einer der ersten entschiedenen Europäer war und zugleich Angst vor einem „deutschen Europa“ hatte: Da sind wir mitten in der Jetztzeit angekommen. Dasselbe gilt für Camus’ frühe Kritik der Wachstumsideologie.

Radischs Biographie, damit kein falscher Eindruck entsteht, ist nicht nur Lebenserzählung, sondern auch Werkbiographie. Sie ist zwar in ihren Nacherzählungen weniger ausführlich als Meyer, dafür aber in ihrem ästhetischen Urteil oft dezidierter. Sie weist zum Beispiel auf die Fallhöhe hin zwischen der stilistischen Kargheit von Camus’ erstem Roman und dem Pathos, das viele der Artikel im „Combat“ nach der Befreiung kennzeichnet, spricht an einer Stelle sogar von „dem drückenden Pomp, der sein Schreiben so oft beschwerte und seine Stimme verstellte“.

Als eigentliches Meisterwerk gilt ihr das postum veröffentlichte Romanfragment „Der erste Mensch“, denn dies sei „ein einfaches Zeugnis, ein Lebensbericht ohne Überhöhung, ohne jeden Manierismus, nicht einmal den der Reduktion“. In diesem Fragment sieht sie den Autor dem Ziel seines Ideals der Einfachheit nah. „Er stirbt buchstäblich in dem Augenblick, in dem alles beginnen könnte.“ Das Buch endet mit dem Bericht von einem Besuch in Lourmarin bei Camus’ Tochter Catherine und in der Pariser Rue Madame bei seinem Sohn Jean. Wer wissen will, warum er sich auch heute noch oder zum ersten Mal mit Camus beschäftigen soll und worin dessen Aktualität besteht, der sollte diese Biographie lesen. Und natürlich Camus selbst.

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