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Drei Camus-Biographien : Das Ende kam, als endlich alles hätte beginnen können

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Martin Meyer dagegen hat eine reine Werkbiographie geschrieben, für die die knappe Erzählung von Camus’ Leben jeweils zu Beginn eines Kapitels nur den Rahmen schafft. Als „Lesekompass“ bezeichnet er sein Buch im Vorwort. Das geschieht mit der Gründlichkeit, die man bei diesem Autor erwarten darf und die man etwa von seinem großen Buch über Ernst Jünger kennt. Für den, der Camus selbst nicht gelesen hat, finden sich hier die ausführlichsten und präzisesten Inhaltsangaben seiner Werke. Allein der „Pest“ sind gut dreißig Seiten gewidmet, die in ihrer Genauigkeit nichts zu wünschen übriglassen. Das Kapitel über „Der Mensch in der Revolte“ umfasst, der Bedeutung für die damalige Debatte entsprechend, fünfzig Seiten.

Meyer widmet sich akribisch den großen Themenkomplexen dieses Werks, also dem Absurden und der Revolte, dem als dritter Themenkomplex die Liebe folgen sollte. Man befindet sich hier also in einem geistesgeschichtlichen Diskurs, der zuweilen weit ausholt und Umwege nicht scheut, leider auch nicht ermüdende Wiederholungen. Zuweilen erregen apodiktische Formulierungen beim Leser einen gewissen Unwillen, wenn es etwa über Nietzsche heißt: „Sein Werk zerfällt bekanntlich in Diagnose und Therapie.“ Ist das so? Oder über Marx: „Unbestreitbar ist, dass Marx der Geschichte einen nach Herkunft und Zukunft durchschaubaren Plan unterstellt und Erwartungen weckt, wie der Kampf der Klassen zum Endsieg des Proletariats fortschreitet.“ Das ist keineswegs „unbestreitbar“ und wird in der niemals endenden Marx-Exegese auch vielfach bestritten.

Meyers Werkbiographie enthält gewissermaßen keine groben Fehler. Wie alle, die heute über Camus schreiben, weist er darauf hin, dass dieser à la longue gegenüber seinen Gegnern aus der Redaktion der „Temps Modernes“ recht behalten hat, obwohl der „Mensch in der Revolte“ ein philosophisch nicht stringentes Buch ist (es ist, obwohl es von der Dialektik der Aufklärung spricht, überhaupt kein philosophisches Buch). Er weist darauf hin, dass Camus von seiner Herkunft nicht nach Saint-Germain-des-Prés gepasst hat, dass er kein „Existenzialist“ war (wer war das schon?), dass andererseits sein Konzept des „mittelmeerischen Denkens“ verschwommen blieb und vieles mehr. Es ist vielleicht auch kaum möglich, noch etwas wirklich Neues über Camus zu erzählen. Aber warum Meyer überhaupt über Camus schreibt und warum man sich für Camus interessieren soll, das erschließt sich nicht. Diese Biographie ist ein langer, ruhiger Fluss, und als Leser ist man irgendwann froh, wenn er sich schließlich der Mündung nähert.

Iris Radisch dagegen hat eine Biographie voller Empathie geschrieben, ohne je der Versuchung zu erliegen, an einer Heiligenlegende zu stricken. Ihr Blick auf den Autor konzentriert sich zunächst auf den „algerischen“ Camus. Beim Untertitel „Das Ideal der Einfachheit“ befürchtet man zwar zunächst das Schlimmste, stellt aber bald erleichtert fest, dass Radisch bei Camus zwischen Wunschbild und Realität sehr wohl zu unterscheiden weiß. Auch die Fähigkeit zum Lebensgenuss, die ihm angeblich in die Wiege gelegt worden sei, war eher eine Wunschvorstellung dieses grüblerischen, ja zerquälten Autors, worüber auch die Dandy-Pose auf Dauer nicht hinwegtäuschen konnte. Während Meyer glaubt, Camus habe eine Synthese von Faust und Don Juan angestrebt, von erkenntnistheoretischem wie erotischem Eroberer sozusagen, steht Radisch Camus’ Misogynie und seinem zwanghaften Don-Juanismus äußerst kritisch gegenüber, und das ist nachvollziehbar.

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