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Georgiens Kultbuch übersetzt : Im Dienst zu sein ist keine Entschuldigung!

Auf Jacques Callots Stich sind die Arme des Reichen für den Schweinehirten weit offen: Dem flüchtigen Sohn ist alles verziehen, Hauptsache, er ist wieder da. Bild: AKG

Guram Dotschanaschwili führt in „Das erste Gewand“ einen Jüngling durch Himmel und Hölle. So viel Freiheitstrunkenheit musste erst einmal an der sowjetischen Zensur vorbei.

          4 Min.

          Dass Domenico wegwill, das stille Dorf verlassen, in dem sein Vater das Oberhaupt, die letzte Instanz für alle diesseitigen und jenseitigen Fragen ist, weiß er wohl selbst noch nicht. Erst als ein namenloser Flüchtling ins Dorf kommt, Unterschlupf findet und seine Geschichten von der Löwenjagd, den fleischfressenden Pflanzen und den Kronen, die es da draußen zu erringen gibt, seinem staunenden Zuhörer erzählt, erst jetzt kommt diese idyllische Kindheit an ihr Ende. Domenico jedenfalls nimmt all seinen Mut zusammen, stellt sich vor den allmächtigen Vater hin und verlangt Reisegeld. Und der zahlt ihm anstandslos sein Erbe aus.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Nicht zufällig erinnert das Handlungsgerüst von Guram Dotschanaschwilis Roman „Das erste Gewand“ an das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn, und auch sonst finden sich immer wieder Anklänge an tradierte religiöse Bilder, wenn etwa eine Gruppentaufe im gelobten Land durchgeführt oder mit dem Nachwuchs von ein paar Fischen eine vieltausendköpfige Menschenmenge gespeist wird.

          Gefeiert und geliebt

          Dezent, aber deutlich sind diese Zitate in den Text eingefügt, deutlich genug zumindest, dass der georgische Roman, erschienen vor gut vierzig Jahren als Zeitschriftenvorabdruck und als Buch, deswegen Schwierigkeiten mit der sowjetischen Zensur bekam. Eduard Schewardnadse, damals Parteichef in Georgien, soll sich persönlich für den Text eingesetzt haben. Und ermöglichte so die Publikation eines Kultbuchs, gefeiert, ja geliebt von Dotschanaschwilis Kollegen ebenso wie vom Publikum. „Das erste Gewand“ gilt als das meistgelesene georgische Buch der Gegenwartsliteratur.

          Warum das so ist, versteht man rasch, setzt man sich nur ein paar Seiten dieser ruhigen, funkelnden, mitunter abgründig bebenden Prosa aus, die Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse nun ins Deutsche gebracht haben: „Die Stadt erstarb, saugte sich voll, keine Rufe waren mehr zu hören, selbst die Kutscher trieben ihre Pferde nicht mehr lautstark an, die triefend nassen Äste der Bäume wurden schwer, und vor lauter Langeweile krähten die Hähne noch öfter.“

          Dotschanaschwili, 1939 geboren und als Jugendlicher wegen des Verteilens antisowjetischer Flugblätter zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, erzählt in seinem 1966 begonnenen Roman von Domenicos Reise, die ihn nach dem Verlassen des Heimatdorfs nacheinander ins vornehme „Feinstadt“ führt, dann in die finstere Stadt Kamora und schließlich in die Lehmsiedlung Canudos, gegründet und bewohnt von Hirten, die nicht mehr länger die Willkür der Kamoraner erleiden wollen, deshalb fortziehen und im Brachland neu siedeln, obwohl sie wissen, dass ihr Freiheitsdrang mit aller militärischen Härte bekämpft werden wird, dass sie dieser Gewalt unterliegen werden.

          Kein Wunder, dass auch dieser Aspekt der Publikation des Romans in der Sowjetunion hinderlich war, dass freiheitstrunkene Sätze wie „Im Dienst sein ist keine Entschuldigung!“ wenig gelitten waren. Und dass dies dem Roman umgekehrt bei den zeitgenössischen Lesern den Weg bereitet hat.

          Ort des Schreckens und der Willkür

          Dennoch ist der Roman alles andere als von lediglich zeithistorischem Interesse oder gar eine Parabel auf den Widerstand gegen politische Unterdrückung. Viel eher ist es ein Roman, dessen Hauptfigur die Möglichkeit einer individuellen Entwicklung verkörpert, ein Jedermann im Werden, der sich naiv und unwissend in unterschiedliche Gesellschaften finden muss, was ihm das große, vom Vater mitgegebene Vermögen zugleich erleichtert und erschwert.

          Er genießt die Annehmlichkeiten von Feinstadt und nimmt erst sehr spät das Unheil war, die kleinen Betrügereien und faulen Kompromisse mit dem mächtigen Nachbarn Kamora, die das Wohlleben ermöglichen, und wenn der Nachtwächter zu jeder Stunde laut verkündet, alles wäre „in Ordnung“, dann erweist sich das bald als Hohn.

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