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: Dostojewski in New York

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Der Albtraum des Kalten Kriegs ist Wirklichkeit geworden: Die Russen kommen, und es sind nicht die vertrauten Gesellen, die wir aus den Romanen des neunzehnten Jahrhunderts kennen: keine nervenkranken Fürsten, selbstmordgefährdete Studenten oder schwermütige Beamte entsteigen den Hummer-Jeeps mit abgedunkelten Scheiben, die heute vor jedem Edelcasino in Europa vorfahren.

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          Der Albtraum des Kalten Kriegs ist Wirklichkeit geworden: Die Russen kommen, und es sind nicht die vertrauten Gesellen, die wir aus den Romanen des neunzehnten Jahrhunderts kennen: keine nervenkranken Fürsten, selbstmordgefährdete Studenten oder schwermütige Beamte entsteigen den Hummer-Jeeps mit abgedunkelten Scheiben, die heute vor jedem Edelcasino in Europa vorfahren. Mit den millionenschweren Oligarchen, ihren gelangweilten Töchtern und muskelbepackten Sicherheitsleuten betritt eine neue Spezies die Bühne unserer Vorstellungskraft, wie wir sie bei Turgenjew oder Tolstoi nicht nachschlagen können.

          Müssen wir jetzt also wegen Gasprom und Polonium alles vergessen, was wir mit unschuldigen achtzehn Jahren als glühende Dostojewskianer gelernt haben? Nein, das müssen wir zum Glück nicht. Denn der New Yorker Schriftsteller Gary Shteyngart, geboren 1972 und als Kind aus Russland nach Amerika ausgewandert, hat einen Dostojewski-Roman für unsere Tage geschrieben. Den "Idioten" oder "Verbrechen und Strafe" kann man nach dem dreißigsten Geburtstag sowieso nur noch mit seltsamer Distanz lesen. Man will sich noch einmal mit dem Epileptiker Myschkin oder dem Mörder Raskolnikow identifizieren, aber es klappt nicht. Das ungetrübte Pathos dieser philosophischen Welt ist nicht mehr abrufbar; zuviel popkultureller Zynismus hat sich in den Gehirnwindungen abgelagert. Shteyngarts großartiger Schelmenroman "Snack Daddys abenteuerliche Reise" wirkt in dieser Gemütslage wie ein befreiender Sprengsatz. Er bringt die spiegelnden Fassaden der Postmoderne zum Einsturz, als stünden sie in Potemkins berühmten Dörfern.

          Shteyngarts Meisterwerk spielt nur scheinbar in jenem folkloristischen Ostblock der Phantasie, der in letzter Zeit mit dem erfundenen Reiseführer "Molwanien" und dem "Borat"-Film einen festen Platz auf der inneren Landkarte erhielt. Zwar endet der Roman nach Stationen in New York und St. Petersburg in Absurdistan, einer fiktiven Variante von Aserbeidschan, wo "Schafskopf und -füße in Knoblauchtunke" als "örtliche Frühstücksspezialität" gelten. Aber "Snack Daddys abenteuerliche Reise", kongenial übersetzt von Robin Detje, ist viel mehr als eine spaßige Leichenfledderei an all dem, was vom Sowjetreich übrig blieb.

          Eigentlich handelt es sich bei dem fast vierhundert Seiten schweren Buch um eine epische Odyssee. Der dreißig Jahre alte und 147 Kilogramm schwere Held, Mischa Vainberg, lebt zu Beginn des Romans, der in den Monaten vor dem 11. September 2001 spielt, in seiner Heimatstadt St. Petersburg - und doch im Exil, denn Vainberg sehnt sich nach New York zurück, wo er nach seinem Studium wohnte und in einer "Tittenbar" seine afroamerikanische Liebste fand: "Ich bin ein Amerikaner", erklärt Vainberg dem Leser in der Sprache der an der Ostküste gelehrten Geschlechterforschung, "eingesperrt im Körper eines Russen."

          Weil der jüdische Vater des Helden, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vom Dissidenten zum Oligarchen mutierte und eine stattliche Mafiakarriere hinlegte, einen Geschäftsmann aus Oklahoma erschossen hat, darf Vainberg nach seinem Heimaturlaub nicht mehr in die Vereinigten Staaten einreisen. Nachdem der Vater seinerseits einem mafiösen Granatenanschlag auf offener Straße zum Opfer fällt, beginnt Vainbergs abenteuerliche Reise, auf die er nur das unerschöpfliche Vermögen seines Vaters und seinen getreuen Diener Timofej mitnimmt. In der absurdischen Hauptstadt Svanïstadt kauft der heimwehkranke Ganovensohn einem korrupten Botschaftsmann einen belgischen Pass ab und steht kurz vor der ersehnten Ausreise in die westliche Hemisphäre - da bricht in dem obskuren Ölstaat ein undurchsichtiger, von internationalen Firmen mitbetriebener Bürgerkrieg aus und zerschlägt alle Hoffnungen auf die baldige Rückkehr ins gelobte Land am Hudson River.

          Wie in einem zähen Albtraum gelingt es Mischa Vainberg trotz bester Beziehungen und finanzieller Ausstattung nicht, dem als Gefängnis empfundenen Osten zu entfliehen. Seine Freundin schläft unterdessen in New York mit einem russisch-jüdischen Literaturprofessor namens Gary Shteynfarb, der unschwer als literarischer Doppelgänger des realen Autors zu erkennen ist. Dass es in diesem Roman um Projektionen, Sehnsüchte und Urängste geht, liegt auf der Hand. Aber trotzdem liegt hier kein psychologischer Entwicklungsroman vor, denn der teure Upper-Eastside-Analytiker, dessen Notfallnummer der Held selbst am Kaukasus mit seinem Nokia-"Mobilniki" wählt, dient - ganz wie der Seelenklempner in Italo Svevos "Zeno Cosini" - nur als Alibi für eine pathetische Selbstdarstellung.

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