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Dorothee Elmiger: Einladung an die Waghalsigen : Trümmerland ist abgebrannt

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Der kurze Weg von Klagenfurt in die Buchhandlungen: Die Schweizerin Dorothee Elmiger legt mit „Einladung an die Waghalsigen“ ihren ersten Roman vor.

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          Kaum war die vierundzwanzigjährigen Schweizerin Dorothee Elmiger beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb mit dem Kelag-Preis auf den zweiten Platz katapultiert worden, schien die Karriere eines Medienstars ihren Anfang zu nehmen. Mit seiner Frage "Ist das die Geburt eines Literaturstars?" startete der 3sat-Moderator noch in der Klagenfurter Arena eine gewisse mediale Aufgeregtheit. Während deutsche Kritiker sodann einem "schweizerisch-bürokratischen" Text sprachen und zum Urteil kamen, die Jury habe eventuell nicht "den besten, sondern den schicksten Text" ausgezeichnet, gingen die Wogen der Begeisterung in der Schweiz hoch. Hier war die Rede von einen literarischen "Ritterschlag" und einer "wichtigen Entdeckung". Das Appenzeller "Tagblatt" verkündete kurz und bündig, die einheimische Jungautorin habe alle anderen Kandidaten überragt.

          In der Tat bringt die junge und hübsche Schriftstellerin mit dem unverbrauchten, kecken und widerborstigen Auftreten vieles mit, was nicht nur der Literaturbetrieb an neuen Namen schätzt. Hinzu kommt, dass die unerwartete Debütantin ein Nachwuchsvakuum füllt, das der helvetischen Literaturszene seit längerem zu schaffen macht. Mit Raphael Urweider reüssierte vor acht Jahren in Klagenfurt zum letzten Mal ein Schweizer. Einstmals erfolgreiche Fixsterne wie Zoë Jenny sind inzwischen entweder verglüht oder können - wie Peter Stamm, Peter Weber, Lukas Bärfuss, Michel Mettler oder Ruth Schweikert - nicht mehr ganz der Fraktion attraktiver Jugendidole zugeschlagen werden.

          Leipzig habe ihr den Raum geboten

          Als Schweizer Schriftstellerin, wie "Wikipedia" sie bezeichnet, sieht sich die Appenzellerin indes ungern. Kein Wunder, studiert die mit drei Geschwistern in der Provinz aufgewachsene Dorothee Elmiger doch heute in Berlin Politikwissenschaften, nachdem sie das Schweizerische Literaturinstitut in Biel besucht und danach einige Zeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig verbracht hat. Ihr Werdegang ist typisch für die jüngere Generation der Schweizer Autoren. Die Konturen der helvetischen Identität sind zwar aus ihrer Biographie nicht völlig gelöscht, Landesgrenzen spielen aber keine Rolle mehr. Mit der Schweiz assoziiert die junge Autorin "Enge". Leipzig habe ihr den Raum geboten, sich selbst zu testen und ihr Profil zu entwerfen, auch in Berlin finde man ungestörter seinen Platz. Den Hang zu leeren Räumen hatte sie schon immer. Anstatt sich wie die anderen Mitschüler in der Maturazeitung des Appenzeller Kollegiums zu porträtieren, präsentierte sie eine weiße Seite mit dem Zitat eines Rocksängers: "I better go it alone."

          Diesem Kern entspringt auch das kreative Potential ihres Debütromans "Einladung an die Waghalsigen". Das Buch besticht durch einen eigensinnigen erzählerischen Zugriff und die Faszination unbetretenen Geländes. Das Spiel mit der Auslassung, das Experiment mit der Ästhetik des Vakuums, der Versuch mit dem Weißraum auf dem Blatt Papier prägen den Erstling. Dass Dorothee Elmiger eigene Wege geht, wird auch thematisch klar. Anstatt schreibend die Fesseln von Familie und Kindheit zu sprengen, holt sie mit einem postapokalyptischen Szenario gleich in Zeit und Ewigkeit aus. Nichts ist ihr kühn genug. Sie fürchtet weder das Pathos der Endzeitbeschwörung noch die krisenhaften Schilderungen des Untergangs und schon gar nicht die verblasene Bedeutungsschwere düsterer Bilder. Diese furchtlose Beherztheit irritiert und beeindruckt gleichermaßen.

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