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Doron Rabinovici: Andernorts : Der Messias aus der Retorte

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Bild: Verlag

Doron Rabinovicis Roman „Andernorts“ nimmt den absurden Mythos der Herkunft, die Schimäre der Ethnie und die zuweilen aberwitzige Suche nach Identität und Heimat ins Visier.

          3 Min.

          Ausgerechnet Klausinger! Der österreichische Kollege, Judaist und Konkurrent des in Wien lehrenden israelischen Kulturwissenschaftlers Ethan Rosen taucht völlig unerwartet am Krankenbett von Felix Rosen, Ethans Vater, auf. Der alte, aus Wien stammende Rosen liegt, dem Tod näher als dem Leben, in einem Krankenhaus in Tel Aviv und braucht dringend eine Niere. Der junge Klausinger sucht nach einem Vater wie Schlemihl nach dem verlorenen Schatten. Und Felix bejaht zum Entsetzen Ethans, dieser Vater zu sein. Klausinger, der Goi, der Rivale im Kampf um eine Wiener Professur, soll Ethans Halbbruder sein? Ein verlorener Sohn, den selbst Dina, Ethans Mutter, freudig in die Familie aufnimmt und der bereit ist, zum Judentum überzutreten? Klausinger, der bereits in Wien vage Andeutungen über eine halbjüdische Herkunft gemacht hatte, was Ethan zu einer spitzen Bemerkung über den Zusammenhang von Abstammung und Karriere am Institut verleitete, soll Teil der jüdischen Mischpoche sein? Zores ist angesagt.

          Überdies hatte Klausinger einen nicht ganz kritikfreien Nachruf auf Dov Zadek, einen Freund der Familie und Heroen Israels, verfasst, den eigentlich Ethan hätte schreiben sollen, und in einem Aufsatz auch Ethans widersprüchliche Äußerungen zum Holocaust-Gedenken und zu Jugendreisen nach Auschwitz, die Dov organisierte, erwähnt. Am Ende wird Dov Zadek postum eine Rolle im Vaterroulette zugestanden, aber erst, nachdem Ethan und Rudi für das obskure Genom-Projekt eines verwegenen Rabbis ihre Samen gespendet haben, und zwar nur, weil dieser im Gegenzug eine Niere für Felix versprach. Der krude Verbund zwischen Orthodoxie und israelischer Hochleistungsgenetik soll der Weltenrettung dienen: Der Rabbi ist überzeugt, dass der Messias 1942 als Embryo existierte und zusammen mit seiner Mutter in den Gaskammern ermordet wurde. Jetzt soll er mit Hilfe der DNA direkter männlicher Nachfahren aus der Retorte entstehen. Alles endet, man ahnt es, in einem ziemlichen Schlamassel.

          Die Alten haben Israel aufgebaut

          Dieses wunderbare Buch ist spannend wie ein Krimi, urkomisch wie die besten Woody-Allen-Filme und von einer berührenden Traurigkeit. Der 1961 in Tel Aviv geborene und seit 1964 in Wien lebende Doron Rabinovici hat in seinem Roman den absurden Mythos der Herkunft, die Schimäre der Ethnie und die zuweilen aberwitzige Suche nach Identität und Heimat, die immer „andernorts“ ist, im Visier - und ist dafür sehr zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominiert worden. Die Orthodoxen werden ordentlich durch den Kakao gezogen, und das wissenschaftliche Institut in Israel macht einen ähnlich desolaten Eindruck wie der Forschersumpf von Wien. Vor allem aber erzählt „Andernorts“ von zwei Generationen und ihrem Verhältnis zu Erinnerung und Zugehörigkeiten.

          Es sind die Alten, die Überlebenden der Katastrophe, die Israel aufgebaut haben und am Gedenken festhalten, zum Zeitzeugentum verdammt, spielen sie für die Kinder jener, die einst ihren Tod wollten, die „Ewigen Juden“ und würden doch so gern wie der einstige Wiener Adolf Gerechter alias Dov Zadek ohne die Last des Vergangenen in eine dritte Identität schlüpfen. Sie sind sich der Absurdität ihres Tuns bewusst - und können doch nicht anders. Während Dov nie eine Familie gründete, weil er die eigene in den Lagern verlor, wollte sein kosmopolitischer Doppelgänger Felix Rosen Familie um jeden Preis. Während Dov in Jerusalem begraben sein wollte, witzelte Felix, ihm sei ein Parkplatz vor Dovs Haus lieber, sein Jerusalem war immer „andernorts und überall zugleich“.

          Die Kinder haben längst das Interesse verloren

          Ihre Kinder haben längst das Interesse an der Politik des Staates Israel verloren. Sie verlassen die Heimat - zumindest für eine Weile - nur allzu gern, um der Enge und dem Fluch der Abstammung zu entfliehen. Sind sie dann in der selbsterwählten Diaspora angelangt, nagt noch in Liebesdingen der ewige Zweifel: Liebt sie mich nur, weil ich ein Jude bin? Zurück in Israel, müssen sie sich für das Leben in der Fremde, besonders für das in Österreich und Deutschland, rechtfertigen, in Wien hingegen gilt den Klassenkameraden Ethans der Staat Israel als Hort des Rassismus. Vor allem aber nagt die Frage, was sein wird, wenn die erste Stimme, die der Überlebenden, der Übriggebliebenen, verstummt? Wenn Worte wie Nazi, Antisemit, Faschist zu gewöhnlichen Schimpfworten mutieren? Wenn niemand mehr beglaubigen kann, was den Opfern am eigenen Leib widerfuhr. Wenn Identität zum Retortenbaby wird und nicht mehr aus den Zwischenräumen des Lebens entsteht, „wo ein Mensch auf den anderen trifft“.

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